Mit der Euphorie von vier Toren, die uns fast die Freudlosigkeit (wohlgemerkt nur die 12 Spiele der Männer) der Rückrunde der Saison vergessen ließen, und reichlich Rest-Ouzo vom Saisonabschlussessen beim Griechen in der Köpenicker Altstadt im Körper, mit dem wir diese vier Tore zur Glückseligkeit begossen und besungen haben, fuhren wir zu nachtschlafener Zeit wieder einmal nach Frankfurt. Wer jetzt in seinem Innern leise “Einsnull Union, zwei null Union…” hört, der war dabei.
Getreu der Berliner Tradition “Draußen nur Kännchen” wurde uns der Ouzu genauso angereicht, weswegen dem Genuss des Getränkes eine gewisse Zügellosigkeit anhaftete. Das mag uns, insbesondere mich, zu einer mir sonst völlig fremden Schwatzhaftigkeit verführt haben, die wir in den frühen Morgenstunden noch nicht abgelegt hatten. Das wäre an sich kein Problem, wenn aber der reservierte Platz im Ruhebereich des frühen ICEs liegt, wo wohl an Sonntagen ein absolutes Schweigegelübde gilt, dann schon.
Wir entgingen nur um Haaresbreite einem Schweigefuchs. Im Interesse des Weltfriedens und der friedlichen Koexistenz entzogen wir uns des Ko der vor uns sitzenden Existenz, indem wir bis Fulda uns in einen anderen Wagen verzogen. Wir gehen davon aus, dass sich in diesem Ruheabteil mit unserem Fortgang eine Zen-artige Harmonie entwickelte. Der Gang zwischen den Sitzen wurde zu einer aus Palmen geflochtenen Hängebrücke, die in einem nebelumwobenen Regenwald endet, wo von einer Kobra vor dem Regen beschützt Siddhartha sitzt… und Nirvana hört. Und ja, den nächsten Friedenspreis der Fifa würden wir annehmen.
Nun, wo wir reden könnten, weicht unsere Redseligkeit alsbald einem Schlummern, das nur von der Kontrolle der Fahrkarten unterbrochen wird. Rechtzeitig vor dem Halt in Fulda wechseln wir zurück in den Ruhebereich, der gar nicht so ruhig war, wie von uns vermutet.
Das Stadion am Brentanobad liegt in Rödelheim, ein Ortsteil Frankfurts, der Anfang Neunziger Jahre ein musikalischer Hotspot war und namentlich von Moses Pelham und Sabrina Setlur geprägt wurde. Den stets wimmernden und heute vornehmlich rumreichsbürgernden Mr. X unterschlage ich hier einfach. Bei ihm ist die berüchtigte, den eigenen Geist Milde stimmend sollende Trennung von Künstler und Werk endgültig vorbei. Man sollte alles in Orkus des Vergessens kippen.
Rödelheim selbst hat wenig von dem Flair der Großstadtmetropole um den Hauptbahnhof herum. Hier ist alles irgendwie ein wenig Vorgarten. Das kommt uns Randberlinern sehr vertraut vor. Ab Karlshorst sind wir doch auch mehr Kaffee und Kuchen auf Häkeldeckchen als Rhabarber-Quinoa-Mate vorm Berghain.
Zwischen Eigenheimen mit Einliegerwohnungen und Caritas-Heim gibt es einen Italiener, der mich so sehr an Rudow erinnert, wo sich in den Neunzigern die Wohngebietsitaliener stapelten. Aber hier gibt es noch einen, wo die ganze Familie mit ein bisschen Glück die Rezepte ihrer Nonna kocht. Nachdem wir uns einen Platz in der Sonne gesucht und genommen haben (ja, unsere Häupter waren behütet), werden wir nach unserer Herkunft gefragt, um den Grund für unser Hiersein erfahren, …ach, Fußball…ja, ja die Frauen von der Eintracht waren gestern hier zum Essen… Welches Essen zum Bier? Das war die Frage! Puttanesca oder Vongole? Gretchenfragen beantwortet man am besten, ohne lange darüber nachzudenken. The winner is Puttanesca. Wenn die Adlerinnen auch nur ansatzweise so vollgefuttert waren wie wir es waren, dann spielen unsere Frauen die so schwindelig, dass sie alle zum Abklingen ins Brentanobad müssen.
Wir kommen zeitig genug ins Stadion, um die wichtigen gestalterischen Fragen abzuklären. Wohin die Trommel? Wohin das Banner gegen Montagsspiele? Derweil kommt unser “Gepäckwagen” an, im Passagierteil der Rest unserer grenzenlose Reisegruppe.
Das Stadion selbst, welches mit unserem gemein hat, dass der namensbestimmende Teil etwas benennt, das eigentlich abseits des Stadions liegt, war bis zur Fusion bzw. Übernahme durch die Eintracht die Heimat des 1.FFC Frankfurt, der den Frauenfußball ähnlich bestimmte wie in unseren Breiten Turbine Potsdam. Von dieser Dominanz zeugen heute zwei Sterne, die das Trikot der nunmehrigen Adlerinnen zieren. Die Begeisterung für die Übernahme durch den Frankfurter Platzhirschen scheint nicht uneingeschränkt zu sein. Zumindest im Stadion gibt es zwei aktivere Fanblöcke – die Main-Adlerinnen und die Nutriabande. Wobei der von der Nutriabande geprägte Block auch die ausgelöschten Farben des FFC präsentiert. Die Main-Adlerinnen, der Name deutet es schon an, scheinen, aus der Ferne betrachtet, eher der die Entwicklung positiv betrachtende Teil zu sein. Und ohne Vereinsliebe betrachtet, haben sie ja Recht. Ohne die Fusion mit der Eintracht wären sie wahrscheinlich den Weg gegangen, den Turbine und Essen schon gegangen sind.
Es ist das letzte Spiel. Der Saison. Von Ailien. Von Spielerinnen, die Union in den letzten Jahren maßgeblich mitgeprägt haben. Auf und neben dem Platz. Unvergessen wie Anastasia Moraitu bei der Aufstiegsfeier auf dem Parkplatz das Schlagzeug übernahm und es wohl so gut machte, dass die Band einfach weiterspielte. Es steckt also viel Abschied in diesem Spiel. Aber es geht auch noch um etwas, wie uns der Stadionsprecher wiederholt um die Ohren scheppert. Die Eintrachtlerinnen können sich mit einem Sieg noch für die Champions League qualifizieren.
Unsere Frauen legen, so als ob sie einen Steppenbrand löschen müssten, los wie die Feuerwehr. Und schon im ersten Drittel der Spielzeit liegen sie zwei Tore vorn. Die noch glimmende Euphorie vom Vortag entflammt wieder. Wir sangen laut und lauter, da ist noch viel Zeit auf der Uhr. Vielleicht ahnten wir, dass die Adlerinnen wohl Tags zuvor bei besagtem Italiener doch keine übermäßigen Pastaportionen mit zwei Liter Barolo zu sich genommen hatten, sondern vermutlich nur einen Insalata Mista mit Selters. So ist bei uns fast alles, was bis eben noch Sekt war, plötzlich nur Sprudelwasser.
Die Adlerinnen wollten sich von uns Emporkömmlingen wohl doch nicht abschlachten lassen und zeigten uns recht deutlich, was Greifvögel mit so frühen Vögeln wie uns anzustellen pflegen. Ausgeglichen geht es in die Halbzeit. Die Getränkeversorgung ist offensichtlich, ob des Andranges, etwas langwieriger und schnell nur noch mit eingeschränktem Angebot. Auch nach der Pause finden die UnionerInnen nicht mehr zu dem Spiel der ersten dreißig Minuten zurück und zahlen wie so oft in dieser Saison Lehrgeld in Form von zwei weiteren Gegentoren.
Unserer Stimmung tut das natürlich keinen Abbruch, aber es bleibt zu hoffen, dass das Team in der nächsten Saison zeigen kann, dass sie gute Auszubildende waren und die Konstanz nicht nur eine Stadt am Bodensee ist, sondern auch ein bestimmendes Element im Spiel der Frauen. Nach Abpfiff ist klar, Frankfurt spielt Champions League. Wir verabschiedeten uns endgültig von Ailien als Trainerin der Frauen und das Team in die Sommerpause, die anfänglich noch etwas scheu weiter weg vom Gästeblock standen. Am Ende wurde es noch eine schöne Autogramm–Abklatschrunde.
Trotz der deutlichen Niederlage überwiegt die Zufriedenheit und Freude über eine wechselhafte wie schwierige erste Spielzeit in der höchsten Spielklasse.











