Oder: Aspirin ad Astra
Ein Ausflug von der Schönen Stadt zum vermeintlichen Tor zur Welt könnte eine angenehme Tagesreise sein. Mit einem schnellen Blick auf eine Karte scheint eine zügige Ankunft kein Problem zu sein. Man könnte ein bisschen Stadt mit Hafen-Atmosphäre aufsaugen und das Stadion liegt zweimal im Jahr in der Nähe eines Rummels, den sie Dom nennen. Also, für allerlei Kurzweil, neben dem Fußball, ist gesorgt. Wegen der Ertüchtigung der ICE-Strecke dauert die Fahrt etwas länger und führt linksseitig der Elbe durch Niedersachsen. Aber es ist immer noch eine der kürzesten Fahrten in unserem Entfernungsportfolio von Bundesligastandorten. Berlin gibt sich herbstlich betrübt, ob unserer Abreise in den Norden, dessen meteorologischen Prognosen, wenig Wärmendes versprechen.
Die weisen Schöpfer des Spielplans fanden es angemessen, das Kiez-Kult-Klub-Dingens auf den frühen Sonntagabend zu planieren… äh planen. Das ist sehr rücksichtsvoll, weil dadurch die Mehrfachbelastung durch internationale Einsätze etwas gemildert wird.
Unserer Reisegruppe gibt es die Gelegenheit, sich in eine Übernachtbleibende und eine Sofortzurückreisende aufzuspalten. Zuvor aber sammeln wir uns zu einer spät vormittäglichen Stunde zu einem Frühstück der Foodstation am Hauptbahnhof. Dort mischen sich die Reisenden mit den Wartenden. Die Reisenden essen, trinken und haben die Zeit stets im Blick, umgeben von Gepäck, dass das Nötigste für die nächsten Tage enthält.
Die Wartenden haben neben einem Becher Kaffee irgendeine zerlesene Zeitung vor sich liegen und warten mit starren, offenen Augen auf Zeiten, die nicht zu kommen scheinen. Und ihr Gepäck ist ihr Hausstand. Wir Reisenden machen ihnen Platz, fahren fort und in unserer glücklichen Leichtigkeit des Seins nehmen sie kaum Platz ein, je mehr wir sie aus den Augen verlieren. Im Zug gibt es Plätze mit unseren Namen darauf, die DGSVO-konform in Zahlen kodiert waren. Für eine so kurze Fahrt haben wir uns entweder mehr als reichlich mit Getränken versorgt oder unser Vertrauen in die Bahn und in die von ihr angegebenen Fahrtzeiten ist nicht so groß.
Die Bahn straft unser Misstrauen Lügen und kommt beinahe verzögerungsfrei in der Stadt am nördlichen Ende der Elbe an. Das gibt uns Gelegenheit, als Teil der Übernachtenden in unsere Hotels einzuchecken und die überschüssige Zeit bis zum Spielbeginn der “Wilden Maus” unsere Aufwartung zu machen. Praktischerweise ist das Millerntor direkt neben dem Dom genannten Rummel gebaut worden. So können wir in einer fließenden Bewegung die Idee von “Rutschen für Europa” auf ein ganz neues Niveau heben und nahezu übergangslos zum Einlass am Stadion gelangen.
Der Einlass ist mal wieder von einer angenehmen Lässigkeit, die vermutlich jedem innenministerialen Beamten eine Rüge wegen Unterlassung der Dienstpflichten eingebracht hätte. Für uns Reingehende ist es ein Moment der Gastfreundschaft. Und das ist mittlerweile selten genug. Dennoch ist es auf St.Pauli mittlerweile ziemlich frostig. Dass unterdessen angepfiffene Spiel trägt auch nicht bei uns zu erwärmen. So braucht es nach 12 Minuten Schweigen Erleuchtendes, um das Millerntor nicht nur durch den Rummel von nebenan bunt zu beleuchten. Der einsetzende Gesang von allen Rängen übertönt nun auch den Rummelsound. Wir dürfen uns alle einbilden, Rani unterstützt zu haben, als er den Ball über Linie stocherte.
Je mehr das Spiel sich dem Ende näherte, desto deutlicher kündigte sich die erste Winternacht des Jahres an. Die einsetzende Kälte korrelierte ein wenig mit der Abgeklärtheit der Mannschaft, die das Ergebnis bis zum Abpfiff halten konnte. So wurde es zumindest im Nachhinein beschrieben, mich hingegen hat es im Stadion dennoch dazu getrieben, längst eingebüßtes Haupthaar zu raufen.
Froh über den Auswärtssieg und besorgt ob des kommenden Gegners schlendern wir über den Dom zum Hotel. Die Gleichzurückreisenden haben sich zum Teil eilig nach St.Georg aufgemacht. Im Hotel angekommen neutralisieren wir ein wenig unser Outfit und machen uns auf den Weg zum vorab bestellten Tisch in der Taparia Mar Salgado. Hamburg bekannt für sein Portugiesenviertel, in dem sich ausreichend Restaurants mit der landestypischen Cuisine befinden, erschien uns die angemessene Auswärtsfahrt zu sein, um in Erinnerungen zu schwelgen.
Gerade noch vor zwei Jahren waren wir um die Zeit in Portugal, eine Reise, die fanclubintern Braga2 heißt. Obendrein gab es gezapftes Superbock, worauf fast alle super Bock hatten. Gute zwei Stunden der fröhlichen Völlerei verwandelten das spätherbstliche St.Pauli in eine winterliche Szenerie. Der zehn Zentimeter dicke Schneeteppich verzaubert die grausten Städte pittoreske Orte. Alles ist von dieser schneegedämpften Stille erfüllt, die nur wenige Stunden hält – bis der moderne Verkehr und seine Geschäftigkeit darüber hinwegbraust.
Unsere zum Teil nicht auf Schnee ausgelegte Besohlung lässt die anfängliche Idee eines ausgiebigen Rundganges über die Reeperbahn von Kneipe zu Kneipe an Attraktivität verlieren. Und so kehren wir in eine der ältesten Kneipen St.Paulis ein. Die Ecke der “Scharfe Ecke” ist gar nicht so scharf wie der Name vermuten lässt. Sie ist am Ende der gefälligen Steigung der Davidstraße, die sich als Abzweigung der Hafenstraße in Richtung Reeperbahn zieht.
In der gar nicht mal so viel Platz bietenden Lokalität wird bei unserer Ankunft gerade ein Tisch frei, den wir sogleich belegen. An zwei Tischen ist eine Geburtstagsparty wohl schon seit etwas längerem im Gange und bestimmt den Klang des weiteren Abends – laut, lebensfroh und sangesfreudig angetrunken, angetrieben von der Jukebox, die trotz ihrer Jahre eines der neueren Stücke im Inventar ist. Dem Kiez angemessen bestellen wir Astra in allen Spielarten, groß, klein und als Radler. Schanghaien neue Mitglieder mit einer Runde Berliner Luft, die nicht die einzige bleiben wird.
Um Mitternacht singen wir dem Geburtstagskind, das, wie könnte es auch auf St.Pauli anders sein, Pauline heißt, allesamt ein Ständchen. Derweil ist sie mit einer unvermuteten Behendigkeit auf den Tresen gestiegen, um die Glückwünsche zu ihrem Geburtstag angemessen zu empfangen – vom entspannten Missfallen des Kneipers begleitet. Diese Feier endet eine Stunde nach Mitternacht auf der Straße mit einer Schneeballschlacht auf der Davidstraße. Wir bestellen noch eine Runde und der Zeilenknecht bekommt die Gelegenheit, mit seiner Musikwahl die angeheiterte Stimmung etwas abklingen zu lassen.
Auch wir stapfen in einer noch früheren Stunde zu unseren Hotels. Nach einem kurzen Schlaf, der für Erholung zu kurz war, aber für Erkenntnis über die Übertreibungen der letzten Nacht ausreichte, füllen wir unsere schweren Köpfe, mangels Aspirin, mit Koffein aus einem weitgehend geschmacksbefreiten Kaffee.
Am Hauptbahnhof lernen wir, dass Hamburg eine eigens für diese Aufgabe in Dienst gestellte Kippenstreife mit Vollzugsmacht hat. Sachen jibt’s…























