Nichts scheint, seit den Ereignissen bei den Männerspielen der letzten Jahre, weniger verlockender als eine Fahrt in das ohnehin nicht sonderlich attraktive Wolfsburg. Umständehalber kurzfristig ein Ticket bei der Bahn zu kaufen ist genauso attraktiv. Was die Bayern bei den Männern seit Äonen sind, waren bis vor wenigen Jahren die Wolfsburgerinnen – das Maß aller Dinge. Bevor auch hier der bajuwarische Fußballhegemon anfing, die Vorherrschaft an sich zu reißen.
Fünfundsechzig Ziffernblattumrundungen des Sekundenzeigers später ein zweites Mal in dieser Saison in der Stadt Automobils aussteigen. Die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen von Bundespolizei und örtlicher Ordnungsmacht sind erfreulicherweise lax. Da der Zeilenknecht eine temporäre Leseschwäche in einer Co-Reaktion mit Altersstarrsinn hatte und deswegen felsenfest überzeugt war, das Spiel begänne um vierzehn Uhr, buchte er sich einen frühen Zug, so dass man mit einem schnellen Mittagessen genügend Zeit hat, um zum Stadion zu laufen.
Nun also deutlich zu früh in der Autostadt angekommen, entschließe ich mich zu einer kleinen Sightseeing-Runde. Irgendwo wird sicher ein Café finden, in dem man ein spätes Frühstück zelebrieren kann. Da ja die Architektur der untergegangenen Republik allenthalben, gerade in der Hauptstadt vor dem Abriss steht, sollte man die Gelegenheit, sich als Fußballreisender in der Stadt frei bewegen zu dürfen, nutzen, um ein Stück Baukunst der ostelbischen Republik hier in Wolfsburg zu betrachten.
Der Weg ist vom Bahnhof aus nicht lang und führt durch die Fußgängerzone der Autostadt. Kulinarische Erholung sollte hier sicher auch kein Problem sein. Zurück zum Exkurs: 1977/78 kaufte die DDR zehntausend Golf 1. Weil die Devisen stets knapp waren, verhandelte man mit dem Autobauerkonzern und irgendein Jeff beschloss, dass der durchaus als Kuhhandel zu bezeichnende Vertrag ein guter ist. So baute als ein Teil der Bezahlung eine Spezialbrigade des Baukombinates das hiesige Planetarium, welches VW dann der Stadt Wolfsburg schenkte. Zum einen ist es eine ganz hübsche innerdeutsche Wirtschaftsgeschichte und zum anderen versteht man ein wenig besser, wie der Autokonzern in dieser Stadt den Takt vorgibt.
Vielleicht ist es ja dieser Takt, aber sollte man jemals als deutsche Produktionsfirma einen realistisch wirkenden postapokalyptischen Film drehen wollen, der günstig produziert werden muss, dann ist die Fußgängerzone von Wolfsburg an einem Sonntagvormittag die ideale Location. Kaum Menschen sind zu sehen. Von Ferne krächzt eine einsame Krähe nach ihren Verwandten.
Der hochmütige Berliner, der es gewohnt ist, zu jeder Tages- und Nachtzeit etwas zu essen kaufen zu können, wird auf den vom Arbeitstakt des Werkes geprägten Boden der Tatsachen geworfen. Es ist halb zwölf und selbst die Dönerbuden sind noch geschlossen. Für das oben erwähnte Planetarium wird von der Suchmaschine der Gewohnheit ein stärkerer Andrang als üblich angezeigt. Vor dem Gebäude stehen außer mir noch zwei weitere Menschen. Es ist nicht Spott, den man hier herauszulesen versucht sein könnte, sondern wirklich die Erkenntnis, wie überdreht jedem Nicht-Berliner unsere Lifestyle genannte Hektik vorkommen muss.
Trotz der von den hiesigen Ordnungskräften unterstellten Rivalität, zumindest bei den Männern, ist an diesem Spieltag nicht einmal ein observierender Alibi-Ordnungshüter vor Ort. So darf ich nach einem Mittagessen bei einem ziemlich guten Vietnamesen als Auswärtsfan über die Brücke zur Autowelt laufen. Mittlerweile bin ich nicht mehr der einzige, der rotweiß gewandet ist. Das Ufer des Mittellandkanals ist ganz hübsch mit Bäumen und Bänken sparliert. Die grad nichtarbeitenden WolfsburgerInnen können dort in szenigen Restaurants und Bars verweilen. Den UnionerInnen ist der Augenblick nicht schön genug, um dort zu verweilen.
Nur noch kurz über einen Parkplatz und die sechsspurige Straße unterqueren, vorbei an Grafities von VfL-Ultras, die wenig Wohlwollen für Braunschweiger verkünden, neben der Wassersportanlage für Wasserski liegt die VfL-Welt. Es gibt Bier, Snacks und Kaffee und Kuchen. Grünweiß und Rotweiß sitzen beieinander und manche reden auch miteinander, die einen von vergangenen und die anderen von den Zeiten, die noch kommen mögen.
Auch wenn der geäußerte Wunsch “die Unioner mögen heut nicht so hart wie sonst spielen…”, da ja man selbst noch in der Champions League und im Pokal ran müsse, ebenso vermessen wie realitätsfern war, war es insgesamt ein nettes Miteinander. Unter den Unionern ist das Miteinander am Gästeeingang des AOK–Stadions recht hoffnungsfroh nach den letzten Spielen. Niemand geht von einer allzu heftigen Klatsche wie im Hinspiel aus.
Dass das Team den Klassenerhalt quasi in der Kabine sitzend geschafft hat, war uns allen in dem Moment noch nicht klar. Nach einer lässigen Einlasskontrolle schnell, eh’ es voll wird, Bier ordern und dann Platz freihalten, für das bald eintreffende Krachutensil. Denn der Großteil der grenzenlosen Reisegruppe ist mit dem Virus-Bus unterwegs, der traditionell zwar stets pünktlich, aber auch mit wenig Spielraum für Extravaganzen ankommt.
Zeitig genug für den Aufbau von Trommel und Zaunfahne kommen sie an, aber es herrscht etwas administrative Unkenntnis über das Banner gegen Montagsspiele, das bei allen Spielen von allen Fangruppen gehängt wird. Der Kompromiss wird dann irgendwie so lauten, dass wir unseres abhängen, wenn es die Heimlinge mit ihren auch tun. Das ist ungefähr genauso präzise wie so manches Abkommen eines derzeitig als Präsident amitierenden Quartalsirren.
Nicht nur der Spieltag, auch das Spiel selbst läuft eigentlich ganz in unseren Sinne. Der VfL hat wegen der noch anstehenden Aufgaben in Europa und im Pokal ein wenig gewechselt. Es wird ihnen nur so halb helfen. Unseren Frauen hilft es ganz gut ins Spiel zu kommen. Und zwar so gut, dass sie plötzlich drei zu eins vorn liegen und das zu einem Zeitpunkt, wo es nicht überheblich ist, zu hoffen, dass man dies bis zum Abpfiff durchbringen kann. Das ist mehr als wir Angereisten vorab zu hoffen gewagt hätten.
Plötzlich piekst da dieser kleine Gedanke, das Ding ist doch gelaufen. Wer aber in dieser Saison in Frankfurt war, der weiß, dass Union-Teams wenigstens einen Drei-Tore-Vorsprung brauchen, um einen unwahrscheinlichen Sieg sicher nach Hause holen zu können. Zumal die Wölfinnen sich nicht, wie im Märchen, einfach den Wanst mit Wackersteinen füllen lassen wollten. Selbst als die Torhüterin Johannes mit der Eleganz einer Schlammcatcherin Nele Bauereisen ausknockte und sich aus dem Spiel nahm, jagten die Wölfinnen, die wohl in dem Moment ihren inneren Isegrim gefunden hatten, unsere Frauen wie Rotkäppchen über die Wiese.
Am Ende zahlten wir wieder einmal Lehrgeld. Waren aber ärgerlich und froh zugleich über ein Unentschieden bei dem sicher zweitstärksten Team der Liga. Nach dem Spiel trennen sich die Wege der Gefährten schnell, weil der Zeilenknecht einen teuer bezahlten Zug bekommen muss und die anderen im Virus-Bus nach Hause fahren.










