Oder: Wie die Schickeria Jasmin Wagner besang…
Warum fährt man nach München? Wäre man nur ein Städtereisender, dann böte die Stadt einiges für einen Wochenendtrip. Weißwurst, Bier und nahe Alpen zum Beispiel. Als Fußballfan wird es schon irrationaler. Da die 60’ger nicht aus den Puschen kommen und sich im Gestrüpp der Fußballniederung auf alle Zeiten verheddert zu haben scheinen, ist da nur der großkotzige Onkel aus Fröttmaning. Was im Übrigen mal wieder zeigt, wie wichtig sportlicher Erfolg ist, wohlgemerkt als Klassenerhalt verstanden, und sei er, auch noch so schwer anzuschauen, weil die Rückkehr in die Höherklassigkeit offensichtlich schwieriger ist, als die viel beschworene Selbstreinigung reinigend sein kann.
München und Berlin haben einiges gemeinsam – beide sind eine Reise wert und in der Mitte der Stadt eine große Freifläche. Die Theresienwiese schlägt das Tempelhofer Feld hinsichtlich der auf ihr genossenen Menge Bier deutlich. Ähnlich deutlich ist Unions Bilanz gegen die Fröttmaninger. Für AuswärtsfahrerInnen, zumindest die, die Vereinen anhängen, denen zu erringende Titel nur ein virtuelles Ziel sind, spielen solche Überlegungen kaum eine Rolle. Man fährt seines Vereines und der mitreisenden Leute wegen zu den Spielen, nicht wegen der Siege. Gut, gewinnen ist natürlich schöner, aber wäre es die einzige Motivation, wären die Gästeblöcke leer.
Hinzukommt dann doch die Spur irrationaler Realitätsleugnung, gemeinhin als Optimismus bekannt. Diesmal könnte es ja sein, dass die Übermächtigen die falschen Schuhe angezogen haben, denen die Unterbuchse kneift, das Wetter zu kalt oder zu warm ist und man selbst eben diesen einen Moment erwischt, wo alles gelingt. Und wer will diesen Moment verpassen? Definitiv gibt es schlechtere Destinationen als München, um eine gute Zeit zu verbringen, aber das Stadion der Fröttmaninger gehört nicht dazu. Neben der sportlichen Bilanz, die sich noch bescheidener liest, wenn man die Spiele gegen die Löwen, aus der Zeit als die sich die Arena teilten, mit einrechnet, ist da noch die Lage am Rande der Stadt, zwischen Müllkippe, Autobahn und Windrad.
Mit dem Sprinter-ICE ist man zumindest auch vergleichsweise zügig da.
Da wir unsere Zaunfahne wieder über ein Mundloch, deren Anzahl naturgemäß begrenzt ist, hängen wollen, eilen wir zu unserem obdachgebenden Hotel, am Rande der Theresienwiese gelegen, checken ein und auf geht’s nach Fröttmaning. Auf dem Weg zum U-Bahnhof wird uns, wie so oft in München, Glück gewünscht. Aber auch von einem Vorbeiradelnden zugerufen, dass es “heit a Klatschen” gäbe. Aufgrund der dentalbedingten schwammigen Aussprache fiel dem Zeilenknecht zu spät ein, ihm hinterzurufen, warum er denn so pessimistisch sei.
Mit einem Zug, der schon zur Zeit der olympischen Spiele sportbegeisterte Menschen transportierte, ruckeln und zuckeln wir zu der Arena, die wenig Verheißungsvolles für den auswärtsfahrenden Unioner verspricht. Selbst der überraschende Sieg in der Vorwoche lässt die Erwartungen nicht überborden. Nach dem obligatorischen Marsch zum Gästeeingang steigen zwar unsere Erwartungen nicht, aber wir die Stahlrohrgestelltreppe hinauf. Übrigens eine herausfordernde Freude für jeden Altophobiker.
Der Einlass ist freundlich, zügig und gründlich. Manche Berührung ist dabei durchaus als übergriffig zu bezeichnen. Aber der Gefahrenabwehr wird mehr Bedeutung beigemessen als den Befindlichkeiten von empfindlichen „Saupreißen“. Selbst das mitgeführte Tablettendöschen muss beweisen, dass es Tabletten aufbewahrt und nicht vielleicht doch Koks. Als ob wir diese Schickeria-Droge nähmen. Ebenfalls aus Sicherheitsgründen ist es in der Arena verboten, Getränke mit auf seinen Platz zu nehmen, weil es wohl vorgekommen sein soll, dass Becher mit Inhalt den kürzesten Weg zwischen dem dritten und zweiten Rang gefunden haben.
So stehen wir im Umlauf und stürzen einige Getränke hinunter, so dass wir uns an jenen Seeräuber erinnert fühlen, der wegen dieser Art zu trinken seinen die Äonen überdauernden Beinamen erhielt – Störtebeker. Derweil hat auf dem Grün die Show begonnen. Nein, noch nicht das Spiel. Erstmal werden alle begrüßt, auch die Gäste, also wir. Dann wird die Gloria unserer Gastgeber mittels Einspielungen vorheriger Spiele besungen, die immer peinlich berührend wirkt, angesichts der Tatsache, dass fast jeder Gegner in der Bundesliga kaum mehr als ein Sparringspartner ist. Das berühmte T setzt sich allmählich zusammen. Die Stadionbeschallung ist offensichtlich darauf ausgelegt, den geneigten Besucher eines Bayernspiels mittels Vertäubung zu sedieren.
Das gelingt auch bei den meisten Zuschauenden. Kaum ein anderes Stadion mit fünfundsiebzigtausend Zuschauern ist dermaßen leise. So ist es verhältnismäßig einfach, sich als Gast lautstark bemerkbar zu machen. Selbst wenn im eigenen Block viele Touristen unterwegs sind. Zur Pause sind die Augen zwar schon blau, aber mit ein bisschen Realitätsleugnung scheint es noch nicht ganz hoffnungslos. Nachdem wir schon während der ersten Spielhälfte ein wenig mit Spott auf vergebene Chancen reagierten, hatten wir nach der Pause reichlich Gelegenheit dazu. Wir mussten feststellen, dass die Bayern ohne Diaz echt keine Chance hatten.
Die Schickeria schien es auch so zu sehen, denn unserer Ohrenzeugenschaft nach, fingen sie, für uns nicht nachvollziehbar, an, Jasmin Wagner zu besingen. Jedenfalls sangen sie minutenlang “Schalalalaa BLÜMCHEN!” Nach dem Spiel sind wir alle froh, keine Bayernfans sein zu müssen. Denn dann hätten wir allein in dieser Saison, uns die Torhymne schon sechsundfünfzig Mal anhören müssen. Das ist auch kein leichtes Schicksal. Weswegen wir mit Milde auf die fragilen Fans schauen, die nach einem Vierzunull-Sieg, sich am geschlagenen Gegner abarbeiten mussten.
Letzten Endes ist dieses Spiel, bei dem wir mit vier Toren ganz gut davongekommen sind, mit der schon oft zitierten Phrase Alis umfassend beschrieben: “Scheißegal, sind nur die Bayern!” Ein letztes Stadionbier im Bayernfoyer, da der Gästebereich wie üblich schnell leergefegt wird, bringt bei der Rückgabe der Becher die Erkenntnis, dass man den Menschen in den Boxen kein Trinkgeld geben darf. Was mir die Bayern noch ein bisschen unsympathischer macht.
Beim Verlassen des Stadions zerstiebt unsere Gruppe in den frühen Münchner Abend. Wie all die Jahre zuvor auch staut sich die Menge am U-Bahnhof. Was wieder ein idealer Zeitpunkt ist, mit Blick auf unsere Ausbaupläne, darauf hinzuweisen, dass Verkehrskonzepte offensichtlich überschätzt sind. Wie jedes Spiel ein Ende hat, hat jedes Gedränge auch eines.
Unser verbleibendes Trio zieht sich hotelnah in ein kleines Gasthaus zurück. Wegen der modernen Interpretation bayerischer Gerichte ist die satirische Bezeichnung Hipster-Augustiner durchaus nicht falsch und respektvoller gemeint, als es hier so geschrieben klingt. Da es uns in einem Augustiner nicht gelingt, mittels Geschichten aus’m Paulaner-Garten, uns einen Auswärtssieg herbeizureden, gehen wir, nachdem uns die letzte Runde angezeigt wird, in unser Hotel.
Die bayrische Polizeistunde zwingt uns zur Vernunft, was für die nächsttägliche Sightseeing-Tour der einen und die frühe Rückreise des einen nur zuträglich ist. Zumal am Montag die Frauen den Spieltag beenden werden. Auch selbst gewählte Doppelbelastung ist gelegentlich anstrengend.











