Oder: „Ein Hauch von Valentinstag-Massaker“
Hamburg ist nicht mehr nur einmal in der Saison, sondern wenn es die eigene Zeit und das Glück in der Spieltagsgestaltung erlauben bis zu dreimal in der Saison. Im Prinzip sind wir schon sowas wie FußballpendlerInnen.
Lag das Ziel beim ersten Mal recht zentral neben dem Rummel auf dem Heiligengeistfeld, ging es diesmal in die Peripherie. Stellingen verbindet der Nicht-Hamburger sicher mehr mit einer Meldung in den Verkehrsnachrichten als mit dem Volkspark. Dennoch fand sich eine große Gruppe Grenzenloser, analog zur Gesamtzahl der anreisenden UnionerInnen, die in das neben der Uns-Uwe-Fußskulptur liegende Stadion wollten.
Unser mittlerweile schon traditioneller Treffpunkt ist von einem partiellen Stromausfall betroffen, was uns durch Widrigkeiten gestählte Berliner natürlich vollkommen gleichgültig lässt, so dass es mich schon verwundert, dass ich es hier erwähne.
Im Gegensatz zum letzten Mal steht diesmal zu kommunizierten Zeit auch ein Zug am Bahnsteig. Das ist recht hilfreich, weil ja eben nicht nur der grenzenlose Mob zahlreich war, sondern auch der Auswärtsmob insgesamt der zahlenstärkste der Saison war. Da auf der Stammstrecke zu unser aller Komfort noch gebaut wird, fahren wir wieder linkselbisch über Stendal und Uelzen. Beide Städtchen wirken dem Metropolenbewohner unbedeutend, provinziell und ein Halt dort scheint nur als Rauchpause sinnvoll zu sein.
Doch mehr oder weniger verborgen stehen sie für Kultur. Uelzen mit seinem von Hundertwasser gestaltetem Bahnhof ist für den Durchreisenden leichter zu erkennen. Stendal ist da subtiler, denn als Geburtsort von Johann Joachim Winckelmann, ist sie uns Heutigen in ihrer kulturellen Wucht nicht gleich erkennbar. Dabei gilt er als einer der Begründer der wissenschaftlichen Archäologie, die eben weniger spektakulär ist als das brachiale Ausbuddeln eines Schliemanns.
Die Bedeutung Winckelmanns in der europäischen Kulturgeschichte zeigt sich darin, dass der französische Schriftsteller Stendhal sich aus Verehrung nach dessen Geburtsort nannte. Auch wenn aktuelle Forschungen dies mittlerweile bezweifeln, ist es in jedem Fall die bessere Geschichte.
Während der Zeilenknecht so vor sich hin fabuliert, füllt sich die Zeit zum sogenannten Flipper-Punkt und wir fahren an einem der schönsten Bahnhöfe vorbei – Hamburg-Elbbrücken. Vorbeistreichen lassen wir auch den nur oberflächlich naheliegenden Ausstieg am Hauptbahnhof. Denn von der uns eigenen, dem Pragmatismus dienenden Weitsicht getragen, haben wir vorab ein Postfach missbräuchlich als Schließfach in Altona gebucht. Dieses befindet sich praktischerweise am Ende des Bahnsteiges in den unser Zug einlief.
Altona und die Schöne Stadt haben eine zeitweise gemeinsame Geschichte, weil sie beide mal zu Preußen gehörten. Das ist insofern bemerkenswert, weil, als sich im Jahr 1892 in Berlin auf ‘nem Dampfer oder einer Parkbank unser Stadtrivalen sich gründete bzw. die Idee dazu entstand, ging in Hamburg aufgrund der hohen Temperaturen und sinkender Elbpegel der blaue Tod um – die Cholera. Während man im nichtpreußischen Hamburg noch munter in das Gewässer hineinexkrementierte, aus dem man auch sein Trinkwasser bezog, hatte das preußische Altona zumindest schon ein Klärwerk.
Die Epidemie breitete sich so rasant in Hamburg aus, dass aus Berlin Robert Koch geschickt wurde, um die Ausbreitung einzudämmen. Und als sei es ein großer Feldversuch waren die Infektionen in Altona deutlich geringer. Offensichtlich gehört zu jeder Epi- wie Pandemie auch ein veritabler Expertenstreit zwischen zwei Koryphäen ihrer Zunft dazu. Am Höhepunkt des Disputes trank Pettenkofer cholerainfiziertes Wasser um eine These zu beweisen, die eigentlich schon von der nackten Faktenlage widerlegt war.
Nur wenig länger als Pettenkofer brauchte, um die Cholerabakterien zu trinken, brauchten wir, um in dem umgewidmeten Postfach unser Gepäck zu verstauen. Von unserem letzten Besuch beim HSV vor langer, langer Zeit wussten wir, dass der Weg zum am Fuß von Uwe gelegenen Stadion ähnlich weit ist wie der ins Outer Rim. So zogen wir entschlossen zeitig los – zur S-Bahn S3 (!). Zufall oder Chiffré? Alles Scheint ein großes Konzept zu sein, uns die Anreise schmackhaft zu machen.
Am Bahnhof Stellingen müssen wir mitten durch die vorglühenden HSVler. Friedliche Koexistenz allenthalben und auf allen Seiten. Richtige Rivalität, geboren in vielen Kämpfen auf dem schönsten Platz der Welt, kann es aber auch nicht geben, da es in der Geschichte beider Vereine sowie deren Vorgänger lediglich fünf Begegnungen gab. Mit der anstehenden Partie heute kommt man auf ein durchschnittliches Aufeinandertreffen alle zwanzig komma sechs Jahre, wenn man die erste Begegnung im Finale um die Deutsche Meisterschaft von 1923 als Bezugspunkt nimmt.
Gut, die nächsten vier Spiele haben innerhalb der letzten acht Jahre stattgefunden. Aber im erst 1953 eröffneten Volksparkstadion sind wir zum zweiten Mal. Damals konnten wir bei noch frostigeren Temperaturen, dank Abdoulahi, dem gestolperten Erstligisten ein Unentschieden abringen. Vielleicht wurde dem HSV da zum ersten Mal bewusst, dass diese zweite Liga kein Spaziergang wird. Und wir? Wir haben nach diesem Spiel eventuell begonnen zu realisieren, dass eine ungeschlagene Hinrunde möglich ist und womöglich mehr.
Unterdessen sind wir am Eingang für Nicht-HSVler angekommen und die obligatorische Kontrolle ist durchaus eine den Gästen zugewandte. Unser Block wird uns eine beinahe zu gute Sicht auf das Spielgeschehen bieten, doch zuvor Getränke kaufen. Allen bierhaltigen Getränken im Volksparkstadion haftet ein wenig der Makel an, dass sie auf Königs-Pilsener basieren. Über deren geschmackliche Interpretation von Bier kann man trefflich geteilter Meinung sein, aber schwere, kaum zu sühnende Schuld haben sie auf sich geladen als sie unsere nicht dagegen immunisierten Hirne mit dem Slogan “Das König der Biere” malträtierten.
Während wir das Bier, das Radler und das Stadion-Spritz so vor uns hin schlürfen, können wir erkennen, dass unsere Gastgeber eine einigermaßen große Choreo vorbereiten. Mit Beginn der Stadion-Pre-show erfahren wir auch den Anlass. Denn der HSV spielt heute gegen uns sein tausendachhundertsiebenundachtzigstes Bundesliagspiel. Das Besondere an dieser krummen Zahl ist, dass es das Jahr ist, welches der HSV als sein offizielles Gründungsjahr angibt.
Achtung, Achtung – große investigative Wikipedia-Recherche! Der HSV wurde erst im Juni 1919 gegründet – als ein Zusammenschlussvon SC Germania von 1887, Hamburger FC 1888 (ab 1914 wurde das FC gegen SV getauscht) und dem FC Falke 1906. In der Tradition der Vorgängervereine stehend, nahm man den Namen des einen und das Gründungsdatum des anderen Vereins. Lediglich Falke ging leer aus. Weswegen die Neugründung des HFC Falke von 2014, als der Verein HSV seine Profiabteilung ausgliederte, nicht nur eine Petitesse in der Fußballgeschichte ist, sondern vereingewordener Fanprotest gegen die Kommerzialisierung im Profifußball.
Zurück zur Choreo – aus vielen Bögen Papier in den Vereinsfarben wurde das zumindest diskutable, wie wir jetzt wissen, Gründungsjahr über ein gutes Drittel der Blöcke gebildet. Solche Bilder aus hochgehaltenem Papier sind sicher weniger arbeitsaufwendig als eine gemalte Blockfahne, aber in der praktischen Ausführung mit Sicherheit recht komplex, wenn nicht gar kompliziert. Wahrscheinlich in der Art so auch nur in Stadien mit mehrheitlich Sitzplätzen möglich, weil man die Bögen ja recht präzise verteilen muss. Mit gutem Willen kann man behaupten, dass man die Intension der Choreo erkennen konnte.
Aber wir sind Berliner und guten Willen brauchen wir für unseren Alltag selber. Deswegen – es stand dann „188f“. Vielleicht waren zu viele Leute auf’m Klo oder Anpfiffbier holen, so dass sich eine Lücke bildete, die die 7 zu einem f werden ließ. Das möchten wir als kritikmildernden Grund gern annehmen.
Sich als gute Gastgeber tarnend, ließen die rothosigen Akteure den Unsrigen den Vortritt beim Toreschießen, nur um dann jede Höflichkeit fahren lassend, uns dreie einzuschenken. Zum Schluss halfen sie Andrej dabei, an seinem Selbstvertrauen zu arbeiten. Nach dem Spiel wurde die Mannschaft zwar nicht feiernd, wie immer behauptet wird, aber doch mit trotziger Aufmunterung von uns beklatscht.
Wir werden den Vorstellungen der Hamburger eines Verkehrskonzeptes ausgesetzt. Das ist von einer Qualität, bei der jeder einigermaßen rechtschaffene Sicherheitsinspekteur die zulässige Zahl von BesucherInnen auf maximal siebenundfünfzig begrenzen würde und nicht auf siebenundfünfzigtausend. Nicht nur, dass man durch einen Tunnel gepfercht wird, wird man obendrein von allen Seiten mit Schlager-Party-Ballermann-Mucke, dicht an der Grenze zur schweren Körperverletzung, beschallt. Es ist die Art von generischer K*sch*, die wahrscheinlich selbst für die aus Eimern saufenden Sangriatrinker vom Ballermann zu platt wäre.
Im Tunnel, der einiges Talent für einen anständigen “Scheiß-Dynamo”-Gesangscontest mitbringt, müssen einige HSVler die Art von Vermessenheit ausleben, die sonst uns großfressigen Berlinern nachgesagt wird. Aber im Gegensatz zu uns entbehren die pfeffersäckigen Behauptungen natürlich jeglicher sachlichen Grundlage. Kein in der Schönen Stadt lebender Mensch würde behaupten, dass Berlin die schönste Stadt der Welt sei. Denn kaum eine deutsche Stadt würde es in die Top ten eines solchen Ranking schaffen. Aber Leute, schöner als Berlin? Ehrlich? Hä! Beeerliiin! Wie Hafen? Tor zur Welt? Wenn wir so een Hafen wollten, dann hätten wir eenen! Natürlich größer! Und die Spree wäre selbstverständlich auch tiefer ausgebuddelt. Franz-Brötchen zählen übrigens bei Schönheit nicht, sonst könnten wir euch ja gleich mit Pfannkuchen kommen.
Das Konzept soviel Menschen wie möglich auf engstem Raum unterzubringen, wird auf dem Bahnsteig, den wir nicht nur gefühlt, nach Stunden erreicht haben, fortgeführt. Ein auf Sicherheit bedachter Mitarbeiter der Hochbahn versucht, entgegen der Gesetze der Physik, einen zweiten Körper dahin zu schubsen, wo schon ein anderer ist. Als wir zwei Stunden nach Abpfiff endlich wieder im gar nicht mal so fernen Altona sind, ist die Zeit für ein entspanntes Essen kürzer als gedacht. So sucht ein/e jede/r nach seiner/ihrer Fasson einen Zubereiter von Speisen. Volle Bäuche mildern den Schmerz des Ergebnisses und so treffen wir uns alle an unserem “Schließfach” wieder
Der Zug in die Schöne Stadt steht schon bereit für den Return des Auswärtsmobs und weil wir uns zu benehmen wissen, müssen wir auch in Lüneburg nicht aussteigen. In der letzten Stunde des Tages kommen wir in Berlin an. Zweidrittel der saisonalen Hamburgfahrten sind geschafft.




















