Oder: „Kuttendichte aus dem Ramen“
Obwohl es offiziell noch nicht mal für die Meteorologen Frühling ist, entlässt uns die Schöne Stadt bei beinahe frühsommerlichen Temperaturen auf die Fahrt ins Niederrheinische. Plusgrade sind nicht nur für den rotweißen Reisenden angenehm, sondern helfen auch der Bahn bei der Bewältigung ihrer schweren Aufgabe.
Damit wir aber bei der Bewältigung von Widrigkeiten nicht aus der Übung kommen, hatten wir zum Einen einen Streik bei der BVG als Teil eines bundesweiten Warnstreikkonzeptes und zum Anderen für die Reisenden aus dem etwas westlicher gelegenen Südosten Schienenersatzverkehr bei der unbestreikten S-Bahn. So plante ich einen zwanzigminütigen Fußmarsch zum Bahnhof und diverse Umsteigezeiten ein. Ich hätte so einen beachtlichen Teil zur statistischen Gesamtlaufleistung beigetragen.
Doch der Fußballgott sandte zumindest dem Zeilenknecht ein Zeichen. Ein Zeichen der Versuchung. An der nächsten Ecke, nur wenige Schritte vom heimischen Herd entfernt, hielt ein Taxi. Ein Fahrgast stieg aus und das Licht des Taxischildes ging an. Und da war sie – die Versuchung. Zum nahegelegenen S-Bahnhof laufen oder direkt zum Bahnhof fahren?
Das war nur eine Fra… Schneller als Oli Burke in Frankfurt auf Santos zurannte, saß ich in der sich bietenden Gelegenheit namens Taxi. Nicht nur der Fahrer war ob der schnellen Wiederbefüllung seines Fahrzeuges überrascht. Auch ich war es, so dass ich als Fahrtziel Hauptbahnhof statt Ost…Ost…Ostbahnhof stammelte. So wurde nicht nur meine Laufleistung erheblich gemindert, sondern ich war auch sehr zeitig am Hauptbahnhof. Freie Straßen und sportlicher Fahrstil taten das Ihrige. Die bettlosen Geschöpfe schleichen durch die Ebenen und warten auf den Tag, um bei steigender Zahl von Reisenden das Nötigste für den Tag zu erbitten. Am Hauptbahnhof waren an diesem Samstagmorgen fast alle Rolltreppen nicht nur defekt, sondern auch schon vorsorglich mit Absperrgittern gesichert.
Im Hauptbahnhof
Das ist so auffällig, dass sich BewegtbildberichterstatterInnen von rbb24 auf den weiten Weg von der Masurenallee zum Hauptbahnhof machten, um Betroffene zu einem möglichst emotionalen Statement zu bewegen. Für die journalistische Tiefe durfte die Verantwortliche für Personenbahnhöfe bei der InfraGo einige wohlklingende Allgemeinplätze über die intensive Fehlersuche erzählen und bedauernd in die Kamera blicken. Erschütternde Bilder von vor Rolltreppen liegengebliebenen Reisenden, die verzweifelt nach neuen Verbindungen suchen, ließen sich leider so nicht finden. Das befragte Populi war mit einem lakonischen “Muss ja” auf den Lippen eher gelassen, was mal wieder zeigt, Berlin muss man nicht nur wollen, sondern eben auch können.
Aber die gute Nachricht ist, man kann es lernen. Letzten Endes gibt es aber nur zwei mögliche Szenarien. Entweder war es die Vulkangruppe, natürlich im Auftrag der Russen, oder aber, was ich für wahrscheinlicher halte, die Vogonen sind gekommen, um mit den Vorbereitungen für den Bau der Hyperraum-Umgehungsstraße zu beginnen. Am Hauptbahnhof waren zweiundvierzig Rolltreppen außer Betrieb. ZWEIundVIERZIG! Also ich? Ich werde die nächste Zeit nicht mehr ohne Handtuch aus dem Haus gehen.
Pünktlich läuft der Zug nach Düsseldorf ein. Während nach Rom alle Wege führen, sind es nach Mönchengladbach deutlich weniger. Der, der wie eine gut ausgebaute Via Appia ist, führt über die Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalen. Wir gleiten geschmeidig durch die Landschaft und haben jene Leichtigkeit im Gepäck, die so ein nichtbudgetierter Sieg wie gegen die Tablettenstädter mit sich bringt. Zwischen Frühstück und dem ersten Mal Luftholen ploppt die Nachricht auf – eine neue Folge von Tach…?!? Wie jetzt? Tschüß jesacht? Das Mastermind von “Tach jesacht”, dem lustvoll-arroganten Teaser für die Auswärtsspiele, hört auf.
Plötzlich ist da dieser kleine Stich, der der zuvor unerschütterlich scheinenden Leichtigkeit den Auftrieb nimmt. Die Lobrede über den humorvollen Reisebegleiter müsste eigentlich grenzenlos sein, aber zu schnell ist man in der heutigen Zeit im Verdacht der ausschweifenden Belanglosigkeit. Womöglich gar der Plapperei. Also kurz und knapp: Danke jesacht, für so viele zu einem Grunzen unterdrückte Lacher in vollen Zügen. Mach’s jut, Robert!
In Düsseldorf angekommen, bleibt nicht viel Zeit. All die Verlockungen der Speisenfeilbieter lassen wir rechts und links liegen, unbeachtet ihr Tagwerk verrichten und wechseln zügig, wie auch sonst auf einem Bahnhof, zu dem Bahnsteig, wo der Regio ankommen und uns in das Land Niederrhein bringen wird. Das Einzugsgebiet der Fohlen ist selbstverständlich größer als die bebaute Fläche, die gemeinhin als Mönchengladbach bekannt ist. So mischen sich rotweiße mit grünweißschwarzen Schals in einem weniger als befürchtet vollen Zug. Die Gespräche sind freundlich entspannt.
Die Gladbacher sind eine Spur pessimistischer als wir. Deren Tabellensituation ist bedrohlicher als unsere. Aber wir sind natürlich sicher, dass wir ohne Geschenke gekommen sind. In großer Einstimmigkeit gehen alle von einem anstrengenden Unentschieden aus. In Mönchengladbach leert sich der Zug von fast allen Nicht-Unionern. Wir fahren gemäß den Empfehlungen vom Verein und unseren eigenen Erfahrungen bis Rheydt.
Trotz des schon in Berlin Einfluss nehmenden Warnstreiks haben die Verkehrsbetriebe in Mönchengladbach Shuttlebusse bereitgestellt. Was wirklich zuvorkommend ist, angesichts der gut 5 Kilometer bis zum Borussiapark. Die Shuttlebusse stehen bereit und anders als zum Beispiel in Gelsenkirchen warten sie nicht bis zur maximalen Befüllung, sondern fahren auch schon los, wenn nur alle Sitzplätze belegt sind. Und jedes Mal gibt es auf der Fahrt zum Borussiapark bei mir den Moment, an dem ich denke, wir kommen nie an. Das Stadion gibt es gar nicht, die fahr’n mit uns eine lange Runde durch die Felder und schmeißen uns gleich wieder am Bahnhof raus. Aber dann taucht an dem gar nicht so weiten Horizont die Stahlträgerkonstruktion des gar nicht mal so hübschen Borussiaparkes auf. An einer einzig für den Schuttlebetrieb angelegten Haltestelle endet die Fahrt und für unser Fortkommen sind wir wieder selbst verantwortlich.
Deswegen haben wir ganz im Geiste der Freien Demokraten ebenso ganz eigenverantwortlich beschlossen, den Konsum anzukurbeln. So steuerten wir zielstrebig mehrheitlich die Currywurstbude an. Zweierlei ist uns mit diesem einfachen Gang gelungen, zum Einen haben wir ganz sicher unseren kleinen Beitrag zum BIP beigetragen und zum Anderen so ganz nebenbei eine ganz passable Currywurst gefunden, die es durchaus verdient hat als beste Currywurst westlich von Dortmund bezeichnet zu werden.
Während die Pepsine noch ihr spalterisches Werk verrichteten, begaben wir uns, durch optimal zum Ziel führende Straßen mit für Borussen traditionsreichen Namen zu dem sehr großzügig angelegten Abgabehäuschen, in dem alles, was größer als ein Blatt Papier ist, hinterlegt werden kann. Von dort aus ist nur der berühmte Katzensprung zum Gästeeingang. Die Einlasskontrolle war geradezu herzlich, angesichts der Tatsache, dass ich zwei Aufkleber behalten durfte, nachdem ich behauptete, ich habe die Sticker nur, weil ich die sammele und diesen allein wegen des Bildes behalten wolle. Er ging mir ein wenig auf den Leim. Aber mein Respekt war im Nachhinein so groß, dass ich diese zwei Sticker nicht im Stadion verklebte.
Im Stadion
Bevor wir in den Block gingen, beging ich den Fehler, einfach nur Bier zu bestellen. Das führte zu einer Runde “Bitte, kein Bit!”, obwohl es mit ein wenig präziserer Wunschäußerung ein recht süffiges Alt hätte sein können. Aber ein Bit geht schon runter. Aus mir nicht bekannten Gründen gab es diesmal keine Fahnen, obwohl diese dem Spiel gut getan hätten. Ansonsten wurden während der neunzig Minuten auffällig viele leere Becher raus und volle wieder reingetragen. Schön trinken eben.
Die Schlange am Gepäckhäuschen ist naturgemäß nach dem Spiel länger als davor. Wir warten an einer gut beklebten Laterne, schauen uns die ausgestellten Werke an und sinnen ein wenig darüber nach, was wir zu der Collage beitragen können. Während unseres künstlerischen Ringen um die beste Position des mitgebrachten Adhäsivmaterials werden, wohl weniger wegen unseres Tuns, sondern mehr wegen unseres kuttigen bzw. hoodiekuttigen Erscheinungsbildes einige Anhänger von der zwar kleinen aber wohl einzig wahren Borussia zu Gesprächen mit uns angeregt.
Im Gespräch
Es ist das übliche, freundliche Spieltagspalaver, das Hin und Her zwischen grundsätzlich Wohlgesonnenen. Wer denn nun die Punkte dringender braucht? Der in der Tabelle weiter unten Stehende reklamiert diese Bedürftigkeit selbstverständlich für sich. Dann wird die Stimmung im jeweiligen Stadion gelobt. Die Atmosphäre an der Försterei ist ja sowieso immer toll. So plätschert das Gespräch, das man so an einigen Standorten von Traditionsvereinen führen kann, dahin. Wir erfahren noch, dass unser Gesprächspartner seit dreiundsechzig zur Borussia geht.
Das Besondere diesmal ist die Kutte, die der Borusse trägt, von denen es hier am Niederrhein in ihrer Einzigartig– und Vielfältigkeit auffällig mehr gibt als an anderen Bundesligaspielorten. Sie wirken merkwürdig aus der Zeit gefallen. Nicht die Kutte selbst, sondern ihr offenkundiges Alter erwecken in mir diesen Eindruck. Mein Hirn speichert das Bild sofort in der Qualität eines Fernsehbildes aus den 70/80er Jahren ab. Sie sind kein durchgestyltes Stück Mode eines Merchandising-Fuzzis, sondern im speziellen Fall organisch gewachsen, vom Bökelberg bis zum Borussia-Park. Wird der Platz auf der Jacke knapp, dann näht man einen Schal an und hat Raum für die neuesten Patches. Das hervorschimmernde “Diebels” auf dem Trikot ist eigentlich die pure Konsumkritik. Diese Kutten sind ein Kontrapunkt in der Welt der glatt optimierten Fußballinszenierung. Es ist wie die über Jahrhunderte gewachsene Altstadt mit all ihren unterschiedlichen Baustilen, den gewundenen, holprigen Gassen, den Häusern mit schiefen Fenstern im Vergleich zu den durchprojektierten Gewerbegebieten wie dem, an dessen Rand eben auch der Borussia-Park liegt.
Mittlerweile sind unsere Gepäcktragenden wieder im Besitz ihres Ballastes. Da die Rückfahrtzeit diesmal nicht zur Eile drängt, gehen wir nochmal zu dem Supermarkt zurück, der in seinem Namen noch an die koloniale Geschichte Deutschlands erinnert. Die Currywurstbude ist mittlerweile im Wochenende, aber im Markt brennt noch Licht. So können wir allerlei Geschäfte verrichten. Ein Teil unserer Gruppe beaufsichtigt das Gepäck, während die einen Nachschub besorgen und die anderen sich um die Entsorgung kümmern. In dieser Situation betritt ein Unioner den Markt und will offenkundig einen Eisern-Union-Wechselgesang anstimmen, was irgendwie nicht richtig zündet. Vielleicht auch weil der Initiator weiter in den Verkaufsbereich stürmt.
Da die Entsorgung sich ein wenig hinzieht, sind wir immer noch mit Warten beschäftigt, als er wieder mit seinem Einkauf, einem Kasten Jecken-Pils, den Kassenbereich verlässt. Er tritt zu uns und stellt den Kasten in unseren Kreis, nimmt für sich sechs Flaschen heraus und deutet uns, dass der Rest uns gehöre. Wir sind überrascht ob dieser guten Tat, aber er erzählt, was von Sympathie unter Unionern. Und auf unsere Nachfrage, wegen seines Idioms, woher er komme, er sei Ronny aus Apolda. Also Danke Ronny!
Nachdem alle ihre Geschäfte erledigt haben, eilen wir zur Haltestelle der Shuttlebusse. Denn die Sorge, das letzte dieser Gefährte zu verpassen, ist nicht so abwegig, wie es so aus der Ferne der Nachbetrachtung scheinen mag. Viertelacht führe der Letzte. Wir sind zeitig genug da um wenigstens einen ungenutzt ziehen lassen zu können, aber können das nahe Ende des Transportes durchaus schon sehen. Auf der Fahrt nach Rheydt entwickelt sich zwischen den mitfahrenden BMGlern und uns ein veritabler Sangeswettstreit, dass man glauben könnte, wir arbeiteten an einer sehr modernen Inszenierung der Meistersinger.
Natürlich haben wir den ganz klar gewonnen. Mit Sporti a capella und einigen Chants. Spätestens als ein Borusse fragte, “Sagt mal, wer hat denn hier einsnull gewonnen?”, war klar, den Punkt guter Verlierer mit Sangeskraft haben wir sicher. Wenn es jemals einen klangvolleren Bus gegeben hat, dann war es sicher nur der der Kelly-Family.
Im Wartemodus
Mit Blick auf das wirklich gut funktionierende Shuttlebus-System von Mönchengladbach und unserem eigenen Stadionausbau bin ich im Übrigen der Meinung, dass Verkehrskonzepte überschätzt werden. Zumindest in der Schönen Stadt. Am Bahnhof Rheydt leeren wir den Kasten Jecken-Pils und füllen die einfahrende S-Bahn in die Landeshauptstadt. Der Hauptbahnhof Düsseldorf ist offenkundig der Multi-Hub der Fußballreisenden, zweierlei Borussen, Schalker und nicht zuletzt wir Unioner bevölkern das Gelände, sodass sich die Fortunen sich genötigt sehen, zur Reviersicherung gegenzustickern.
Uns ficht das wenig an, wir haben ein kulinarisches Ziel. Ein Ramen-Restaurant in Laufweite des Bahnhofs, denn auch hier verhindert der Warnstreik die Wahl entfernterer Ziele. Unter Heizpilzen fand unsere Gruppe genügend Platz und alle ihren Ramen. Einzig den Modus des Bezahlens haben wir nicht verstanden bzw. fanden ihn wenig praxistauglich. Große Gruppe, jeder zahlt für sich, das Trinkgeld klingelt – ein einfaches System. Hier wird nur tischweise insgesamt bezahlt – ok, wir puhlen das schon auseinander. Nach dem Bezahlen stellten wir aber fest, dass die Kellnerin die Rechnung irgendwie nicht richtig zusammengestellt hat. Der mit dem reinsten Herzen unter uns versucht, sie auf diesen Fehler aufmerksam zu machen, prallt aber mit diesem Ansinnen ab. Es sei alles bezahlt. Obwohl selbst bei oberflächlicher Betrachtung fünf Ramensuppen und zwölf Leute einen stutzig werden lassen sollten. Aber gut, wir haben das Unsere versucht und wenn wir dereinst am Styx stehen, dann sollten unsere Herzen nicht wegen dieser Sache schwerer als die Feder sein.
Im Halbschlaf durch die Nacht
Einsetzender Regen, der eine Kälte mit sich bringt, die uns daran erinnert, dass es noch Winter ist, ließ uns den Plan, zur längsten Theke zu gehen und die vier Stunden bis zur Abfahrt dort trinkend zu verbringen, leichten Herzens verwerfen. So verteilen wir uns auf dem Bahnhof, in bald schließenden Lokalitäten auf die Schnelle ein Alt, in nichtschließenden Fastfood-Kettenfilialen einen halbguten Kaffee und in den Gängen die Gesamtsituation betrachten. Im Lumpensammler-ICE greift uns die Müdigkeit unterschiedlich heftig an. So kommen wir mehr oder weniger wach dann am Sonntagmorgen im Frühling in Berlin an.














