Drei Tore und zwei Stunden Verlängerung

Die erste Auswärtsfahrt der Saison führte uns nach in Dortmund. Eine große Überraschung wurde aber vorerst verschoben.

Vorneweg: Dies ist kein poetischer Text. Ich erfülle hier lediglich die Chronistenpflicht. Schließlich muss ja alles seine Richtigkeit haben – selbst wenn der einzig wahre GE-Poet mit Hang zur Allesfahrerei, kurzum Tom, bei dieser ersten Auswärtsfahrt der Saison nach Dortmund ausnahmsweise fehlte.

Wenig Erfreuliches ist uns jemals widerfahren in Dortmund allgemein und im Stadion des BVB im Speziellen. Weder im Pokal noch in der Liga konnten wir dort schon mal, äh, nicht verlieren. Das Toreschießen klappt auch immer nur so semi-gut. Unsere jährliche Reise nach Dortmund kann man unumwunden als notwendiges Übel bezeichnen. Doch dieses, ja dieses Mal, da waren wir uns sicher, da würden wir was holen. Schließlich lag das Spiel günstig zu Beginn der Saison, wenn der BVB gern mal etwas wackelt, und schließlich waren wir mit einem Heimsieg gegen den VfB aus Stuttgart in die Saison gestartet. Die Sterne standen mehr als günstig. Wer sollte uns bitteschön aufhalten?

Die DFL hatte uns mal wieder eine ganz wunderbare Anstoßzeit reingedrückt: Sonntagabend 17:30 Uhr. Immerhin war damit die Abfahrt in Berlin für einen Scheißfrühaufsteher-Fanclub doch recht gemütlich um halb zehn angesetzt. Und auch wenn bei weitem nicht alle Unioner aus Köpenick kommen, so zeigte sich in unserer Gruppe doch eine gewisse geografische Tendenz beim Zustieg: Acht der neun Reisenden trafen am Ostbahnhof ein und genossen dort erst einmal ein gemeinsames Frühstück. Die Autorin dieser Zeilen geriet derweil am Hauptbahnhof in eine Traube schwäbelnder Businesspeople, die (grund- und anlasslos) mit angsterfüllten Blicken auf die rot-weiße Anhängerschaft auf dem Bahnsteig schauten und sich gegenseitig Horrorgeschichten über Fußballzüge zuraunten.

In meiner Erinnerung dauern Fahrten von und nach Dortmund stets fünf bis sechs Stunden, tatsächlich erreichten wir den trostlosen Dortmunder Hauptbahnhof bereits nach knapp 3,5 Stunden. Ein ortskundiger Unioner hatte uns ein Gasthaus fürs Mittagessen empfohlen, dessen Name gewiss nicht nur englische Fans amüsiert: „Wenkers“. Sicherheitshalber versuchten wir von unterwegs, einen Tisch zu reservieren. Die schroffe westfälische Art schockierte uns als Berliner:innen natürlich nicht mal ansatzweise: Wenn wir nicht um Punkt halb zwei da sind, hieß es schnodderig, verfiele unsere Reservierung aber sowas von, schließlich sei der Laden an Spieltagen proppenvoll. Wir teilten uns bei Ankunft in Team „Plätze im Restaurant sichern“ und Team „Bahnhofsschließfach entern“ auf. Zum Glück war eine der Unserigen, Kathrin, schon früher angereist und hatte eines der letzten funktionstüchtigen Schließfächer in Beschlag genommen, sodass wir dort unsere Sachen unterbringen konnten. Logistisch lief schon mal alles wie am Schnürchen.

Das „Wenkers“ servierte vor allem üppige Berge Fleisch und andere fettreiche Speisen, hungrig stand jedenfalls niemand vom Tisch auf. Auch als wir gingen, war das Gasthaus übrigens wahrlich nicht „proppenvoll“. Pfff!

Da sie sich in Dortmund nicht entscheiden können, ob es nun eine U- oder S-Bahn ist, nennen sie es Stadtbahn. Ebenjene brachte uns zum Stadion. Wie immer wollten wir vor dem Spiel noch ein Getränk im Biergarten Rote Erde zu uns nehmen – das kann man als Auswärtsfan in Dortmund stressfrei tun – doch dann erreichte uns die Kunde, dass es bis 16 Uhr für jede:n Stadionbesucher: in ein Freigetränk gibt. Das muss man uns selbstverständlich nicht zwei Mal sagen! Danke an dieser Stelle auch mal an die zahlfreudigen Kund:innen des Mobilfunkanbieters, auf dessen Nacken wir einen ausgegeben bekommen haben. Der Einlass klappte – keine Selbstverständlichkeit im Gästebereich des Signal-Iduna-Parks – (für uns Frühankömmlinge jedenfalls) problemlos.

Der Großteil der Gruppe war im Stehplatzbereich, drei von uns im Sitzer. Von oben konnten wir Ali bestens sehen und die drei, vier, fünf synchron schlagenden Trommler waren wirklich massiv gut zu hören. Kurz vor Anpfiff kamen die üblichen Verdächtigen in den Block: neutral gekleidete Heimfans, die dann auch noch vorübergehend die schlechte Idee hatten, auf ihre Plätze bestehen zu wollen. Die Krönung war ein Familienvater mit zwei kleinen Kindern, die nach Anpfiff auch noch BVB-Lieder sangen. Wie verantwortungslos und naiv bis dumm kann man als Vater sein?

Große Choreo auf der Süd – ja das könnse halt, muss man einfach zugeben. Später stilles Gedenken an einen verstorbenen BVB-Fan, der Gästeblock schloss sich dem selbstverständlich an. Ansonsten waren wir Mitgereisten wirklich aktiv und laut, auch oben im Sitzer. Das Spiel begann gut für uns. Oh mein Gott, wir hatten doch wohl nicht mehr Ballbesitz als Dortmund? In der zehnten Minute wurde – und es war nicht ironisch gemeint! – „Union am Ball“ angestimmt und voller Überzeugung von allen mitgesungen. Andrej Ilić’ blutiger Zusammenstoß mit dem Bellingham-Bruder war leider der Wendepunkt des Spiels. Die drei Tore schoss Dortmund dann relativ mühelos. Man konnte nicht mal sauer oder enttäuscht sein. Die Überlegenheit und höhere individuelle Klasse war einfach erdrückend. Wenn man nach dem Spiel nicht mal ansatzweise Häme oder Schadenfreude von den Heimfans zu hören bekommt, ist das schon frustrierend. Eine erneute punktlose Abreise aus Dortmund. Aber: Irgendwann, irgendwann einmal! Ganz bestimmt!

Die Deutsche Bahn war leider wieder einmal für eine Verlängerung gut. Es begann in Dortmund, weil der Zugführer nicht pünktlich da war: „Aufgrund des Abreiseaufkommens bei einem Fußballspiel“ – stand der etwa bis eben selbst noch auf der Süd? Ein liegengebliebener Güterwagen, eine beschädigte Oberleitung, eine spontan errichtete Baustelle – bald schon hatten wir das komplette Bahnverspätungs-Bingo voll. Der Zugbegleiterin konnte man durch die Lautsprecher anhören, dass sie längst jenseits von Gut und Böse und auch jenseits der Regelarbeitszeit war, mit zunehmender Fahrt und immer weiteren Komplikationen entwickelte sie allerdings einen ziemlich unterhaltsamen Humor. Wir bauten sie und ihre Kollegen später noch ein wenig auf, denn natürlich bekamen sie den Frust der anderen Leute ab. Sie meinten, sie seien froh und erleichtert gewesen, dass Unioner an Bord sind, denn die sind meist lustig und eher entspannt. Wir sind für sie anscheinend sowas wie die Einäugigen unter den Fußballzugreisenden. Was sie natürlich nicht wissen: In Wahrheit sind diese Rückfahrten unsere Gruppentherapiestunden auf Rädern.

Oben hatte ich ja erwähnt, dass ich die Fahrtzeit immer mit fünf, sechs Stunden pro Strecke in Erinnerung hatte: Nun, die geplante Ankunft am Berliner Hauptbahnhof war 0:18 Uhr, der Zug rollte schließlich um 2:30 Uhr (Ostbahnhof 2:45 Uhr), also nach knapp sechs Stunden, ein. Niemand hatte Lust auf irgendwelche Nachtbusse in den frühen Montagmorgenstunden und so blieb nur die Option Taxi. Wenige Stunden später klingelte bei den meisten von uns wieder der Wecker. Schön war’s trotzdem – erklären kann man diesen Irrsinn normalen Menschen sowieso nicht.

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