Stadtmeister Prenzlauer Berg

Auf der schwäbschen Eisebahne gibt es viele Statione. Da wir aus der Hauptstadt kamen, brauchten wir von den vielen Stationen nur eine: Schduagard Hauptbahnhof, immer noch oberirdisch. 

Die vorgewärmten Kugeln bei der DFB-Pokal-Auslosung fügten es, dass wir schon einmal in dieser Saison in die autofreundlichste Menschenansiedlung dieser Republik mussten.

Da der starke Arm es will, stehen noch für ein paar Stunden die Räder der DB still, deswegen haben wir, weil unsere Premiumbucherin weitsichtig ist, die grün umherfahrende Alternative genommen. Die hat vielleicht nicht so ein fantastisches Speisenangebot wie die große weiße Schwester, aber schon vor Reiseantritt bereitet sich der erfahrene Fußballreisende so vor, dass von allem Notwendigen ausreichend mitgeführt wird. Schließlich fahren wir von dem Bundesland, in dem sich alle (ja,natürlich alle) Schwaben ihre Sommerresidenz im Stadtzentrum gekauft haben, ins Land vom Daimler und Porsche. Bis Halle geht’s, aber dann zieht’s sich. Wäre es nicht Union, dann hätte sicher jede/r einen bunten Strauß von Amüsemongs vorrätig, mit dem man den internationalen Feiertag für Frauenrechte verbringen könnte. Charakterlich nicht ganz so stabile Persönlichkeiten flüchteten sich an die Ostsee oder in Krankheit und Siechtum. Gut, es gab auch die, die fünf Tage Wellness in Schduagard gebucht haben.

Traditionell speisen wir vor dem Spiel beim Lautenschlager, um im landestypischen Idiom zu bleiben. Wir waren nette Gäste – im Gasthaus wie später im Stadion.

Damit der seit Jahrzehnten, präzise seit Mai 2019, aufgestaute Frust der Brustringler über den übermächtigen, stets unfairen und durchgepamperten Klub aus dem Osten, der von ihnen okkupierten Stadt auch immer frische Nahrung bekommt, legen wir gleich nochmal fest, wer hier Hauptstadt und wer Landarbeiter ist. Der Ton ist gesetzt. Union lässt es so aussehen, als müsste sich die Überraschungsmannschaft der Saison etwas anstrengen, um zu einem für sie erfreulichen Ergebnis zu kommen. Erfreulich laut ist nicht nur die Cannstatter Kurve, sondern auch in den anderen ist sie für meinen Geschmack zu gut. Wir können dem an sportlich Erfreulichem nicht allzu viel entgegensetzen, lediglich, dass Stimmung im Block nicht von Spielständen abhängen sein sollte.

Dank unserer Abschlussschwäche können die von Investorenwillkür gebeutelten VfBlern zumindest sportlich ein wenig feiern. Immer wenn mir die Stuttgarter mit ihrem sportlichen Hoch auf die Nerven gehen, also eigentlich fast immer, rufe ich mir ins Gedächtnis, dass Alexander Wehrle bei denen die Finanzgeschäfte führt… und dann denke ich: “Was für arme Schweine!” Und in diesem Gedanken ist der aktuelle Machtkampf von Investoren mit Vereinsvertretern und das Wirrwarr von Abwahl oder Abberufung sowie der Missachtung von 50plus1 noch nicht mal miteingeflossen.

Als der sich mitten in der Nacht vom Ländle entfernende fußballinteressierte Mensch, dessen eigener Verein noch nichts in vom Verein losgelöste Kapitalgesellschaften ausgegliedert hat, blickt man gleichermaßen verwundert wie angewidert auf das was da alles vermeintlich zum Wohle des VfB geschieht. Sicherlich kann es uns Unioner nur bedingt beruhigen. Auch wenn die im Spiel seienden Summen da grad nicht so überbordend hoch zu sein scheinen, ist es dennoch wieder einer der Traditionsvereine, der sich in das rendite-orientierte Wohlwollen eines Investors begibt. Und es stellen sich, trotz der allgemeinen Gleichgültigkeit gegenüber dem Wohl des VfB, unweigerlich Fragen: Wie lange kann ein vergleichsweise kleiner Verein wie der Unsrige diesem Finanzierungsprinzip widerstehen? Würde unsere mittlerweile gewachsene Mitgliedschaft einem solchen Ansinnen, von wem auch immer, nachgeben oder standhalten? …

Einzig die Frage, was rote Linien wert sind, kann man sofort beantworten: Nichts. Weder die Mitbestimmungsrechte von Mitgliedern eines Vereins noch das als Monstranz hochgehaltene 50plus1 sind einen Pfifferling wert, wenn einer mit Scheinen winkt. Insofern war der Protest gegen den Investoreneinstieg in die DFL ein optimistisch stimmendes Ereignis, aber auch nur ein kleines Gefecht gegen einen übermächtigen Versucher. 

Also gönnen wir den Schduagardern diese Freude über den Augenblick, bevor die Autobauer die Regie übernehmen und zu neuen Ufern aufbrechen. Es ist übrigens zu vermuten, dass sie das technologieoffen tun werden.

Währenddessen intermezzen wir in Frankfurt länger als geplant, weil der Zug aus dem Schwäbischen vierzig Minuten schneller war. Wenn man die Karten im Navi aktuell hält, dann geht sowas. Und es bestätigt sich die anfangs der Saison getätigte Vermutung, dass Frankfurt unser Bahnhofs-Hub sein wird. Das Wochenende geht in seine sechste Stunde und wir fallen zuerst in den Zug nach Berlin ein und dann erstklassig in einen wohlverdienten Schlaf. Wenn erste Klasse einen Vorzug hat, dann den, dass einem beim Aufwachen Schokolade gereicht wird. So versorgt sind wir keine 27 Stunden später wieder in der schönen Stadt und haben ein ganzes Wochenende vor und Fahrten ins Schwabenland für diese Saison hinter uns.

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