“… aus dem Hintergrund müsste …”

Oder: „Wenn die Bahn Winterpause macht…“

Der letzte Tag im Januar will uns noch mal zeigen, was richtige Kälte ist und was man damit anstellen kann. Die Bahn jedenfalls stellt sie, gewollt oder ungewollt, vor Probleme, besonders in Sachen Zugbereitstellung.

Vor etwas mehr als der Hälfte meines Lebens gab es dieses Bonmot mit der Frage nach den vier größten Feinden des sozialistischen Aufbaus. Die richtige Antwort lautete: Frühling, Sommer. Herbst und Winter. Mein heutiges Ich ist der unerschütterlichen Ansicht, dass sich diese nie gefassten vier Schwerstkriminellen die Bahn als neues Opfer ausgesucht haben. Den von der Bahn in so großer Anzahl nicht vorgesehenen Fahrgästen kann es egal sein, weswegen der Zug an einem sich zügig nähernden Zeitpunkt schlicht ausfallen wird.

Die Hinfahrt

Als sich die Abfahrt um zehn Minuten verzögerte, witzelten wir noch. Das Gelände zwischen Karlshorst und Rummelsburg, wo sich die ICEs zum Schlafen zurückziehen, sei ja auch groß, da immer gleich den richtigen Zug zu finden, ist nicht so leicht…und wenn man dann noch den Schlüssel vergessen hat …

Als sich die Verzögerung der Abfahrt auf fünfundzwanzig Minuten erhöht, gibt der VfL-Fan (nicht Wolfsburg und auch nicht Mönchengladbach), der sich trotz der Feuerzeuge zu uns gesellte, einfach auf und bleibt „tieeeef im Osten“. Aber auch für uns, ebenfalls mit einer nur mäßig moderaten Anstoßzeit, um 14:00 Uhr, im Rücken, werden Planungen zunichte gemacht. Fraternisierungen müssen erst verschoben und schließlich ganz aufgegeben werden, weil Ankunft und Anpfiff mittlerweile fast deckungsgleich sind. Das sind Stressfaktoren, die man eigentlich vermeiden möchte.

Doch noch sitzen wir in dem eine Stunde später abgefahrenen Zug, starren gebannt in die App und rechnen die angezeigten Verspätungen hoch und was das bedeutet, wenn man die Fahrt zum Stadion mit den Essener Verkehrsbetrieben miteinbezieht. Jede ARD-Wahl-Hochrechnung ist dagegen Kinderkram, weil wir nur mit Variablen rechnen. Da das Glück nicht nur mit die Doofen ist, sondern auch mit den Tüchtigen, werden wir so pünktlich ankommen, dass wir mit Ablauf des vierzehnminütigen Stimmungsboykott “Alle vereint – Gegen Montagsspiele” einsatzbereit sind.

Unser Banner gegen Montagsspiele wird mit der tatkräftigen Hilfe der Ordner von der SGS vor dem leider leeren Gästeblock aufgehängt. Danke dafür, denn das ist ja nicht so selbstverständlich, insbesondere wenn das Spiel schon läuft. Andere befestigten derweil Trommel und Zaunfahne. Obwohl wir wohl die größte grenzenlose Auswärtsfahrergruppe bei einem Frauenspiel sind, verhindert die sehr späte Ankunft eben die Organisierung eines schönen kompakten rot-weißen Blockes.

Die Stadt

Essen ist nun wirklich eine Perle des Potts. Wer Namen, die bezeichnend für das Ruhrgebiet stehen, nennen soll, dem fallen sicher sofort Zeche Zollverein und Krupp ein. Es gibt kaum etwas anderes, was so synonym für Kohle und Stahl steht wie diese beiden Namen. Der geneigten BildungsbürgerIn fällt dann noch die Folkwang-Schule und das Museum ein sowie deren berühmteste Absolventin Pina Bausch.

Aber auch im Fußball erlangte Essen eine über die Region hinausreichende Bedeutung. In dem Jahr, als Pina Bausch an der Folkwang angenommen wurde, wurde Rot-Weiß Essen Deutscher Meister. Das war 1955. Ein Jahr nachdem der Boss (Helmut Rahn), der damals noch nicht für Musik stand, vielleicht sein wichtigstes Tor geschossen hatte. Das waren die besten aller Tage von RWE, binnen zweier Jahre Pokalsieg und Deutsche Meisterschaft sind durchaus mit Aufstieg bis zum Einzug in die Champions League vergleichbar.

Ebenfalls aus Essen kamen Willi “Ente” Lippens, Frank Mill und eine für den Frauenfußball nicht ganz unwichtige Person: Horst Hrubesch. Die SGS Essen, einem Zusammenschluss von VfB Borbeck und Grün-Weiß Schönebeck, spielt im Stadion an der Hafenstraße, welches vielmehr mit RWE verbunden wird, aber im Besitz der Stadt ist. Weswegen eben auch das Frauenteam der SGS dort spielt. Da die Größe des Stadions durchaus mit dem Unsrigen vergleichbar ist, kann man unsere hohen Zuschauerzahlen, auch wenn sie natürlich erfolgsgetrieben sind, getrost als das hervorheben, was sie sind – besonders.

Zum Spiel

Die Frauen wollten vermutlich beweisen, dass sie ebenso wie die Männermannschaft unser Nervenkostüm malträtieren können. So lagen sie, trotz gut anzuschauendem Spiels eins, zwei zack mit zwei Toren zurück. Bei den Männern würde man spätestens jetzt die Erlangung der Weltherrschaft auf den nächsten Spieltag verschieben. An guten Tagen springt dann noch ein Unentschieden gegen Urs raus. Unsere Frauen hatten wahrscheinlich auch nicht mehr im Sinn, als sie mit dem Toreschießen begannen. Aber gegen diesen Gegner, die sich tapfer wehrten, zeigte sich das professionelle Training, zumindest konditionell, dann doch als zu überlegen.

Und vielleicht ist das Ergebnis am Ende ein Tor zu hoch, weil es zu sehr nach Klatsche aussieht. Das war es ganz gewiss nicht. Die Erkenntnis kann nur lauten, dass man höchstwahrscheinlich gegen einen stärkeren Gegner das Ding nicht hätte drehen können. Deswegen wäre es recht hilfreich, solche dummen Rückstände zu vermeiden.

Nach der angemessenen Beglückwünschung des Teams, die für mich durchaus euphorischer hätte sein dürfen, vermeiden wir es, den Ordnern zu übermäßig vielen Mehrzeiten zu verhelfen und damit den sehr netten Gastgebern zu arbeitgeberischen Herausforderungen.

Hunger in Essen

In der Nähe des Hauptbahnhofs im Gebäude einer bekannten, in wirtschaftliche Schräglage geratenen Kaufhauskette, hat man genau wegen dieses Niedergangs den Neuanfang mit einem Food-Court versucht. Das ist die Idee üblicherweise übers Stadtgebiet verteilte Streetfoodanbieter in einem Markthallenstil zu verdichten und in einem gepflegten Ambiente zu präsentieren. Dem Kunden, besonders dem etwas ausgehungerten, gibt es die Möglichkeit vor einer verwirrend großen Vielfalt der internationalen Küche grandios zu scheitern und auf das Vertraute zurückzugreifen.

Dem Zeilenknecht kam noch eine kleine Schwäche in die Quere, die richtige Wahl zu treffen – der Geruch von indischem Essen. So olfaktorisch sediert läuft er wie ferngesteuert natürlich zur Indian Kitchen. Ein Fehler, denn der Geschmack konnte nicht halten, was der Geruch versprach. UnionerInnen, wenn Ihr in Essen seid – geht zu Genki Burger! Allein wegen des Namens.

Die Rückfahrt

Wo die Extrem-Hedonisten, das wirklich gute Stadion-Bier gleich kastenweise nach Berlin exportieren, nehmen sich die Gemäßigteren vornehm zurück. Zwei nulldreiundreißiger “Stauder” und für Dazwischen ein Konterwasser sollten für die Rückreise doch reichen. Jedoch, wir hätten uns an den Beginn unseres kleinen Ausflugs erinnern sollen. Auch wenn die Temperaturen in Essen frühlingshaft waren, so hat der Winter in dem Raum zwischen Essen und der Schönen Stadt sein zersetzendes Werk den Tag über fortgesetzt, so dass sich am Abend wohl gerade am Hauptbahnhof Essen, sich die Probleme häuften.

Deswegen wurde höher’n Orts beschlossen, die vorgesehenen Abfahrten in Essen ausfallen zu lassen. Stattdessen fuhr man nur bis Dortmund und von dort aus auch wieder zurück. Reisenden, die von Essen zurück nach Berlin wollten, gab man gleich noch ein Training zur Stärkung der Entscheidungsfähigkeit mit, in dem man diese Entscheidung den am Gleis Ausharrenden nicht kundtat. Kleinlichem Gemecker über getrost überzogen zu nennende Vorstellungen von angemessener Kommunikation begegnen unsere mitreisenden Bahn-Nerds mit digitalem Erkenntnisgewinn. Vom Geiste der Solidarität getragen, teilen wir diesen mit dem DB-Service-Point, die daraus eine etwas holprige Durchsage machen.

Währenddessen haben wir uns als Gruppe strategisch auf dem Bahnsteig verteilt, um alle problemlos in den Regio R1 (!) nach Dortmund einsteigen zu können. Gab es noch eine kleine Hoffnung den von uns geplanten Zug in Dortmund zu erreichen, zerstiebt sie, wie eine Pusteblume, je größer die Verspätung des Regios wird. Wie bei der Hinfahrt schon erreichen wir ziemlich bequem den eine Stunde später abfahrenden Zug, natürlich sind unsere reservierten Plätze aus dem verpassten Zug verfallen. Aber mit taktisch geschicktem Einsteigen gelingt es uns, für uns Achtzehn einen Sitzplatz zu finden. Trotz der eine Spielzeit währenden Wartezeit auf dem Bahnsteig in Essen ist die Stimmung auf der Rückfahrt ausgelassen, solang wir uns thematisch beim letztlich erfolgreichen Frauenspiel aufhalten.

Am Ende der Fahrt erreichen wir die Schöne Stadt an einem kalten Sonntagmorgen, der schon im Februar liegt. Grundsätzlich zuversichtlich schauen wir auf die kommenden Spiele.

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