Oder: „mit Naika in der Nati“
In der vorweihnachtlichen Hektik entlasteten uns die Weisen der Spieltagsplanung, weil wir uns entscheiden mussten, ob wir uns ins Rheinische begeben und dem Männerteam endlich den zweiten Sieg in Folge mit herbeizuschreien helfen oder aber die Frauen im Fränkischen dabei zu unterstützen, aus der Misere von neuer Liga, Verletzungen und abhanden gekommenes Spielglück herauszukommen. So schmolz die Kölner Reisegruppe in dem Maße, wie die nach Nürnberg wollende wuchs.
Nürnberg, bekannt für… Schämt Euch, wenn Ihr nicht an Bratwürste und Lebkuchengebäcke gedacht habt. Das andere haben wir schließlich erfolgreich aufgearbeitet und verdrängt. Außerdem geht da jetzt eine Rennstrecke drüber. Abgefahren aus der Schönen Stadt sind wir zu einer Zeit, die uns in Erinnerung ruft, wie doof die zweite Liga der Männer ist. Allein die Anstoßzeiten sind ein Grund, sich in der ersten Liga zu halten und nicht der Versuchung zu erliegen, einen Abstieg, wegen der vermeintlich vielen Traditionsklubs, toll zu finden.
Wem das noch nicht reicht: ELVERSBERG! Ein Ort ohne Bahnanschluss! Dank der Suchmaschinen-Bildpunkte-Bundesliga wissen wir also wieder, was Spielbeginne am Nachmittag wert sind. In heiterer leichter Runde reisen wir am letzten Tag des Herbstes zur Frühstückszeit in die Richtung der Heimat eines gewissen Markus S.
Die, trotz kleiner Verspätung, noch ausreichende Zeit bis zur Stadionöffnung sowie die handliche Größe Nürnbergs erlauben uns noch eine kleine Runde über den Christkindelmarkt. Dieser ist ganz hübsch von einer Altstadt umbaut worden, von dem einiges neuer wirkt als es einer Altstadt angemessen scheint. Das ist auch kein Trugschluss, da ja auch die Frankenmetropole nach dem Krieg über einige Freiflächen verfügte.
Bayerische Lebensart, besonders die, in ihrer fränkischen Auslebung, verführt uns zu einigen kulinarischen Kostproben. Een Dreier (!) im Weckle (mit Sauerkraut!) sollte nicht nur ein gutes Omen für den anstehenden Spieltag werden, sondern auch ein kleiner Leckerbissen, verbunden mit der Vorfreude auf die Zeit nach dem Spiel – in einladende Brauhäuser mit fränkischem Bier in all seinen gebrauten Spielarten einzufallen. Wir könnten uns hier in einer an amtierende Präsidenten erinnernden epischen Breite über den Gusto der hier feilgebotenen Bratwürste auslassen. Es wäre nur angemessen.
Aber der Spielplan der Männer wird uns noch einige Male Richtung Süden führen und damit auch durch ein an Bayern grenzendes Bundesland, dessen herausragendstes Merkmal eine nach eben diesem Bundesland benannte Bratwurst ist. Diesen Krieg können nur Chefredakteure von kulturellen Fußballmagazinen anfangen. Wir hingegen würden beim Halt in der Landeshauptstadt aus dem Zug gezogen, an das Brandtfenster gezerrt und in einer fließenden Bewegung ohne viel Federlesens aus demselben geworfen werden. Was Fensterstürze auslösen können, ist ja allen hinlänglich bekannt. Die Weltlage ist angespannt genug, deswegen fällt unser sonst bekannt überschwänglicher Kommentar zu den Nürnberger Wursterzeugnissen kleiner, rationaler aus, als wir es ohne den thüringischen Transitzwang täten.
Das Max-Morlock-Stadion liegt vergleichsweise stadtnah und ist umringt von den Resten der architektonischen Zeugnisse der artifiziellen Kleingeister, deren Nachfahren heute wieder für zerstörerische Gestaltung gerufen werden wollen. In Bayern wie auch hier in Franken bedarf es aber natürlich keinerlei Brandmauern, weil ein weiterer Sohn der Stadt im Hauptberuf als großer Wurstverschlinger und nebenbei als Ministerpräsident wie kein anderer die Grundsätze der Demokratie verteidigt und Ideen wie Meinungsvielfalt in seiner Identität verinnerlicht hat.
Aber ansonsten sind die prägenden Männernamen Nürnbergs Albrecht und Max. Während der eine ganz gut im Zeichnen war, waren der anderen zweie, von denen einer ganz gut löten konnte, so dass am Ende ziemlich brauchbare elektronische Geräte entstanden. Der andere Max schweißte ganz gern Bälle in Netze, weswegen dann einige Zeit später das einstige Frankenstadion, nach ihm benannt wurde.
Nach den schwierigen, wenn auch optisch oftmals überlegen wirkenden Spielen, die allesamt nicht die verdienten Punkte einbrachten, sowie in den anständigen Klatschen endeten, besannen sich die Union-Frauen auf die vornehmlich den Männern zugeschriebenen Tugenden: “Hinten dicht und vorn aus wenig viel machen”. Gegen Frankfurt brachte das schon einen Punkt und nun sollte gegen den Mitaufsteiger daraus mehr werden.
Das Spiel selbst beginnt für die Spielerinnen mit Aufwärmen auf dem Platz und für uns mit ein bisschen Einruckeln im Block, denn wir haben nicht nur uns, sondern auch Krachmachzeugs mitgebracht. Obwohl die Sache binnen fünf Minuten erledigt erschien, wäre es nicht auch bei den Frauen nicht Union, wenn nicht neunzig Minuten Anspannung, Verzweiflung über leichtfertig vergebene Chancen und unnötige, wenn auch sehenswerte Gegentore einen bis zum Abpfiff begleiten würden. Die Unterstützung darf aber darunter nicht leiden, was so einem während des Spiels über die Seele rennt, besonders wenn man sich für Stimmungsmacherei mitverantwortlich fühlt. Nach einer elendig langen Nachspielzeit steht aber der erhoffte versöhnliche Jahresabschluss. Allen, besonders aber den Spielerinnen, war anzumerken, welche Last da drückte und so unvermittelt genommen wurde. Auch uns ganz schön siegverwöhnten Fans waren die nicht so erfolgreichen Spiele eine Lehre, dass man als Unioner immer zusammenstehen muss. Wenn das bei uns angekommen ist und es das Team noch mehr zusammenschweißt, dann wird die Rückrunde, unabhängig von den Ergebnissen, eine gute.
Mit dem Gefühl, dass das Team noch ein wenig länger gefeiert hätte als wir es mit dem abschließenden UNVEU dann taten, zieht es uns alle zurück in die Stadt, wo uns die kulinarischen Verlockungen des Chrtistkindelmarktes und der schon erwähnten Brauhäuser all unser Sinnen bestimmen. Wir ahnen schon, dass wir als Gruppe zu groß sind und kehren “divide et impera” einfach um. Aufgeteilt in unterschiedlich große Gruppen hoffen wir, die zumindest temporäre Herrschaft über einen Tisch und Sitzplätzen zu erlangen.
Ohne vorherige Reservierung scheint es dennoch schwieriger zu sein, als man es als Berliner mit Kneipenüberfluss gewohnt ist. Am Ende aber sind wir alle unterkommen und genießen ein wenig die verwirrte Aufmerksamkeit der Nürnberger, die wir als Unioner erregen. “Gegen wen habt’s denn gespielt? “ Nach unserer Erklärung folgt ein erstauntes “Ach, die Frauen…”. Gelegentlich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Gegenüber zum ersten mal vom Frauenteam des 1. FC Nürnberg hört. Das würde das, zumindest für mich so empfundene, geringe Zuschauerinteresse ein wenig erklären. Gut, wir sind seit einiger Zeit sicherlich verwöhnt. Aber es zeigt, dass es noch ein längerer Weg sein wird, bis die Frauenteams mit der gleichen Aufmerksamkeit wahrgenommen werden wie es den Männerteams passiert.
Neben Bratwürsten steht Nürnberg natürlich wie keine andere Stadt auch für Lebkuchen. Da es vier Tage vor Heiligabend ist, decken wir uns recht reichlich mit der Edelvariante des Lebkuchens, der Elise, ein. Angesichts der Menge, die wir zum Bahnhof tragen, könnte man auf den Gedanken kommen, wir seien allein deswegen nach Nürnberg gefahren.
Im Zug nach Berlin nehmen wir unseren reservierten Raum ein, verstauen die gekauften Köstlichkeiten und packen die Getränkevorräte aus. Mitten unter uns sind zwei Plätze belegt. Die dort sitzenden jungen Frauen fühlen sich scheinbar etwas unwohl, so umringt von einer stattlichen Schar Fußballreisender zu sein. Aber weit gefehlt. Wir erregen im Gegenteil das Interesse von zumindest einer der Frauen, die aus Österreich kommend, ein verlängertes Wochenende in Berlin planen. Warum wir denn das täten? Für ein Fußballspiel so weit zu reisen?
Was sich anfänglich wie eine übliche Plauderei zwischen Fußball- und daran weniger Interessierten anfühlte, entspann sich zu einem leider nicht erfolgreichen Abwerbeversuch einer Spielerin. Unserer freudigen Aufzählung österreichischer Spieler und Spielerinnen bei Union schlägt uns ein verzeihendes Nichtwissen entgegen. “I schau’s net, I spuils halt.” Bei Aileen Campbell und besonders bei Naika treffen wir auf einen erkennenden Blick. “Mit der Naika hab ich in der U19-Nati gespuilt.”
Unsere Reisebegleiterin ist Spielerin beim USV Neulengbach, derzeit Achter in der ÖFB-Frauenliga. Unser natürlich völlig selbstloses Angebot doch mal bei Union … wird mit dem Hinweis, dass sie kein Interesse habe, Vollprofi zu werden, abgewiesen. Aber es zeigt auch, wie sehr Frauen sich diesen Schritt überlegen müssen, selbst wenn sie ein auskömmliches Einkommen wie bei Union erhalten. Denn für die Zeit nach dem Sport ist eine gute Ausbildung unter Umständen wichtiger, als ein kurzlebiger sportlicher Erfolg.
Noch am letzten Tag im Herbst sind wir zurück in der Schönen Stadt. In drei Tagen treffen wir uns zum gemeinsamen Singen wieder. Dann ist es schon Winter. Pause.

















