Skandal im Sonderbezirk

Oder: Es ist nichts Schönes im Hässlichen

Manchmal beginnen Fahrten deutlich vor der Abfahrt selbst. Die in das nahe Fallersleben gelegene Wolfsburg beginnt am Vortag im Panenka. Es ist erster Freitag im Monat – traditioneller Stammtischtermin, bei dem konsequenter– wie dankenswerterweise Fußball auf den Schirmen lief und nicht der Popanz von hinterm großen Teich. Obwohl es konzeptionell gut gepasst hätte. Schließlich ist Wolfsburg auch als ein Konstrukt von größenwahnsinnigen Politikern mit einer gehörigen Portion Menschenverachtung entstanden. Gut, ohne Friedenspreis. Den gab es damals nicht. Und wir hätten live dabei sein können, wie ein Schweizer einen Bob-Beamon-artigen Rekord im Arschkriechen aufstellte. Zu unserem Glück lief Preußen Münster gegen Hannover 96 und unsere kleine Stammtischrunde hatte reichlich spendiertes Bier. Jubiläen sind toll, lasst es euch sagen.

Apropos Menschenverachtung – Die Fahrt nach Wolfsburg stand mit einer angenehm mittäglichen Abfahrtszeit an. Das Grüppchen Reisewilliger sammelt sich bei milden Temperaturen auf einem der beiden Plätze, dessen Namen eigentlich niemand richtig zuordnen kann, vorm Hauptbahnhof. Die Fahrt ist so ereignislos, dass sie als ruhig zu bezeichnen, sie falsch beschriebe. Es hätte also alles entspannt bis zum Anpfiff sein können. Aber wir fahren ja nach Niedersachsen, wo Frau Behrens zeigen möchte, was sie unter Gewaltboykott versteht.

In unserer unerreicht großen Vermessenheit nahmen wir an, das übergroße, zum Einsatz bereitstehende Polizeiaufkommen gelte uns bzw., unserer als übermäßig gewalttätig geltenden Szene. Doch weit gefehlt. Und wir hätten es gleich erkennen können. Denn die uns umzingelnden, knüppelschwingenden Sturmtruppler hatten Blauhelme auf den Köpfen.

Nun fragt man sich, wieso gibt es Blauhelme in Wolfsburg? In einer Stadt, die sich durch nichts auszeichnet, kann doch niemand so gefährdet sein, dass es den Einsatz von Blauhelmen braucht. Aber es schwelt ein weitgehend unbekannter und vom großen Weltgeschehen vergessener Territorialkonflikt. Es gibt einen Sonderbezirk genannten Ortsteil, der vor allem den Bereich des Autowerkes und angrenzende Bereiche umfasst.

Nun streiten sich die Ortsteile Stadtmitte und Allerpark, wem der Sonderbezirk zugeschlagen werden sollte. Inwieweit geklärt werden kann, wer die älteren Rechte an dem umstrittenen Gelände hat, ist ungewiss. Gewiss hingegen ist aber, dass keine aus Wolfsknochen gefertigten Kunsthandwerksgegenstände als Beweismittel eingebracht wurden. Wölfi wird tanzen. So waren die vielen Ordnungshüter also nur zu unserem Schutz da, damit wir nicht versehentlich in die Territoriumsstreitigkeiten geraten.

Spaß beiseite die auf den Spuren von Gustav Noske wandelnde Innenministerin Frau Behrens ließ ordentlich Mannstärke (Frauen sind da mit drin) auffahren um eine öffentliche Ordnung zu verteidigen, die offensichtlich von rund dreitausend Unionern so gefährdet war, dass auch Reiter- und Hundestaffel auch mal wieder ins Freie durften. So kamen wir aus der schon gut beschützten Bahnhofskatakombe und traten in ein Viereck, gebildet aus Mannschaftswagen und den dazugehörigen Mannschaften. Es erinnerte ein wenig an die “Gladiator”-Szene als Commodus zu Maximus in die Arena kam.

Wir wurden zu einem Fanmarsch eingeladen. Als erkennbar zu bunt für eine als relevant geltende Szenezugehörigkeit dürfen wir unbehelligt das Geviert verlassen. Nicht die flirrende Stadionatmosphäre drängt uns zum Wolfsbau, sondern das Wissen um die Pingeligkeit des Personals am Eingang. Und zumindest der Zeilenknecht wird nicht enttäuscht und es ist angesichts des folgenden Umgangs mit unserer Szene aber keiner weiteren Erwähnung wert.

Nach der als Fanmarsch getarnten polizeilichen Zuführung zum Stadion wird der Szene die Mitnahme von Fanutensilien ins Stadion verwehrt. Weitere Details sind mir unbekannt, aber unsere Ultras kamen dennoch ins Stadion. Wohl, weil es eine vorbereitete gemeinsame Protestaktion mit den VfLern zur IMK gab. Die beschriebene Polizeipräsenz am Bahnhof, um das Stadion herum, hat auch allen deutlich gezeigt, in welche Richtung die Vorstellungen von Polizei und Politik gehen. Und wie immer ist Fußball nur der Testraum, an dem getestet wird, was möglich sein kann.

Am Beispiel Gesichtserkennung wird deutlich, dass es ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, erst nur Fußballfans im und um das Stadion herum, dann Bahnhöfe, dann Plätze, dann andere Großveranstaltungen, dann politische Demonstrationen, weil es ja bei Fußballfans gezeigt hat, wie wirkungsvoll ist. Und am Ende sind wir alle zu jeder Zeit von diesen Überwachungsphantasien betroffen. Deswegen war es wichtig und richtig, dass die Szene in den Block kam und das entsprechende Banner und den Protest zeigen konnte.

Im Gespräch nach dem Spiel kam ich dann zu der Erkenntnis, dass sie dann wieder hätten gehen müssen und uns auffordern, es ihnen gleich zu tun. Vielleicht wäre der halbe Block mitgekommen. Das wäre ein deutlicheres Zeichen gewesen als der halbgare Support, so wie er dann stattfand. Jeder machte, was ihm so einfiel, mal unterstützt, mal nicht. Ich glaube, ich wäre, nach einer entsprechenden Ansage mit rausgegangen.

Grundsätzlich aber war es das zweite Spiel in Folge, das durch äußere Einflüsse beeinflusst wurde. Und ebenso grundsätzlich stellt sich die Frage, ist Wolfsburg diese Reise wert? Natürlich nicht, aber wenn der einzige Grund, der es angenehm macht, nach Wolfsburg zu reisen, jedesmal beschädigt wird durch überbordendes Polizeiaufkommen, Ordner, die jeder FDJ-Ordnungstruppe eine Freude gewesen wären und das ja wohl initiiert durch den Verein, dann kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen: dann eben nicht Niedersachsen, dann eben nicht Wolfsburg, dann eben nicht VfL. Es entbehrt eben jeglicher Schönheit an diesem Ort der Hässlichkeit, an dem sich die grauen Herren (Momo) ganz sicher wohl gefühlt hätten.

Still verlassen wir diesen Ort und werden auch bei der Abreise nicht allein gelassen.

An einem wesentlich schönerem Ort mit schönen Menschen sind wir noch zu einer ganz wunderbar schönen Punschparty eingeladen. Und hier löst sich der abgasgeschwängerte Geist von Car-City völlig in ein adventliches Wohlgefallen auf.

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