Oder: die Rettung des Knödelexpress
Wo die Möpse wohnen sollten…
Der Vorsaisonauftakt beginnt aber im Brandenburgischen, wo sans souci das Glück mehr beschreiben soll als das austrianische Felix. Zwecks Verlängerung unseres Jodeldiploms fuhren wir, ohne Essen mitzunehmen, durch Brandenburg nach Brandenburg an der Havel, wo der BSC Süd05 sein hundertzwanzigjähriges Bestehen beging. Dafür lädt man sich natürlich nicht den stählernen Stadtrivalen ein, sondern den eisernen Erstligisten aus der Hauptstadt.
An einem wunderbaren Julisamstach zogen wir nicht nur in Richtung Bahnhof mit Regionalbahnanschluss, sondern der Jahreszeit angemessen auch regenfeste Kleidung und Schuhwerk an. Oder zumindest die, von der wir, vor dem Kleiderschrank stehend, glaubten, dass sie regenfest sei. Ab Bahnhof Zoo waren wir in unserer Anreisetranche ein Trio, welches mit einer zu vernachlässigenden Verspätung in Brandenburg an der Havel ankam, dass Auswärtigen wie uns vor allem für Steffen Freund und Deutschlands bekanntesten Nachkriegshumoristen bekannt ist.
Und um es nicht selbst zu vergessen, sowie zur Begeisterung von Auswärtigen wie der Drachenbootnationalmannschaft Panamas… (und alle „O, wie schön ist…“) haben die Einheimischen über die ganze Stadt Skulpturen von Möpsen mit Geweih verteilt. Wer hier an etwas anderes als an Hunde denkt, ist zumindest verdächtig, ein Katzenliebhaber zu sein oder zumindest des deutschen Humors in seiner feinen Spielart abhold. Das ist aber im Ganzen sehr hübsch anzuschauen, zumal es sich um den Lieblingshund jenes sich nach einem Vogel nennenden Humoristen handelt, der auch mit seiner zeichnerischen Qualität zu überzeugen wusste. Einen Pirol sahen wir wohl wegen des Regens nicht, aber eine in der Nähe gelegene Bushaltestelle als Gelegenheit dem Dauerregen mit Technologie zu begegnen.
So technologiebedacht kommen wir am Stadion an, dass wie jede ernstzunehmende Sportstätte in ostdeutschen Landen heißt – nämlich Werner-Seelenbinder-Stadion. Die Schlange am Eingang deutet mit ihrer Länge auf eine gewisse Begeisterung für dieses Spiel hin, so dass wir beschliessen, eine Station weiterzufahren, um unsere nicht mitgenommene Essensvorräte durch vor Ort erhältliches aufzufüllen. So kommen wir auch etwas länger in den Genuss, der ausgelebten Abneigung eines offenkundigen Stahl-Brandenburg-Anhängers unseres Gastgebers gegenüber zu, dessen Begeisterung für die Herrlichkeit des eigenen Vereins nicht über fußballtypisches hinausging. So wollen wir seinen Schnäuzer, zwar grundsätzlich als eine falsche Entscheidung, aber milde gestimmt, nur als eine Hommage an Charlie Chaplin betrachten.
Die Bedeutung von Spielen in der Vorbereitungszeit, zumal gegen einen Sechstligisten, ist sicherlich mehr in der Bewegung an sich als im sportlichen Wettstreit zu suchen. Zumindest für den höherklassigen Verein. Das PR-Moment ist in dieser Ecke des Landes sicherlich auch nicht zu unterschätzen, wo das Blau der Sticker viel häufiger auf den FCM hinweist als auf Stahl Brandenburg und man es als unwissender Hauptstädter vermuten würde.
Die unsrigen Rot-Weißen, die ausweichend himmelblau aufliefen, nahmen die Sache zwar ernst, aber taten sich auch schwer gegen einen mutig aufspielenden BSC 05 Süd. So kam die Ehre des ersten Torschusses den in rotweißen Retroshirts auflaufenden Brandenburgern zu. Das wurde nicht nur von allen Zuschauern honoriert, sondern auch vom Stadionsprecher angenehm lakonisch kommentiert. Nach zwei Dritteln des ersten Drittels der Spielzeit gelingt den Gästen der erste Treffer, dem folgen noch fünf weitere und ein Ehrentreffer, der wegen seiner Flugbahn es verdient hätte, für das Tor des Monats zumindest nominiert zu werden.
In der Pause gaben Teile der angereisten Zuschauerschaft, also ich, endgültig auf, sich gegen den anhaltenden Regen schützen zu wollen. Freiheit als Fügen ins Unvermeidliche. Nicht fügen wollten sich die Gastgeber und zeigten auch in der zweiten Halbzeit sportlichen Ehrgeiz gegen die in die weiten Teilen veränderte Mannschaft Unions, die hingegen wollten zeigen, dass es durchaus sinnvoll sein kann, sie früher spielen zu lassen. Daraus entsprangen noch drei weitere Tore. Sie schalteten dann den berühmten Gang zurück und die Brandenburger bemühten sich nicht zweistellig zu verlieren. Was gelang.
Im nachlassenden Regen verließen wir die Heimstatt des BSC 05 Süd und wünschen ihnen eine erfolgreiche Saison. Und mögen diese Wünsche erfolgreicher sein als die an die Panamaische Drachenbootmannschaft, die zwar ehrlich gemeint, aber wohl wenig unterstützend waren.
Platzverweis in Ahrensfelde
Mit frischen, trocknen Kleidungsstücken am Leibe, um unser Unioner sein deutlich zur Schau stellen zu können, treffen wir uns am folgenden Tag am Bahnhof Lichtenberg, dem einstigen Herz des Fernverkehrs Ostberlins, zumindest wenn man in den nördlichen Teil der kleinen Republik wollte. Heute gleitet hauptsächlich der regionale Verkehr über das Schienengeflecht Lichtenbergs. Manchmal verkehren hier Sonderzüge zu weit entfernten Auswärtsspielen des von uns verehrten Klubs, die heutige Auswärtsfahrt zählt nicht dazu. Wir werden zwar, das Bundesland wechseln, aber es ist eher vergleichbar mit dem Hin und Her springen von der Nord– auf die Südhalbkugel, wenn man am Äquator steht.
Ahrensfelde liegt im sogenannten Speckgürtel, aber auch so nah an der speckabsondernden Stadt, dass es die Borstenhaare der Schwarte spürt. Dort hinzukommen scheint bar jeglicher Schwierigkeiten zu sein. Verspätete S-Bahnen sind sicher nicht so selten wie ‘nen Dodo, aber die verlorene Zeit ist in aller Regel leicht aufholbar. Es sei denn zwei Ereignisse treffen aufeinander – ein nicht korrekt entwertender Fahrkartenentwerter und ein Fahrkartenkontrolleur mit dem Toleranzspektrum von “Rain Man”. Dann wird ein nicht lesbares Datum zum Anlass für einen Einsatz der Ordnungskräfte, die für ein Testspiel recht zahlreich in Bereitschaft stehen. Gut, wir befinden uns in einem präferierten Gebiet von denen, insofern sind sie unter Umständen zu unserem Schutze da. Jetzt aber müssen sie einer vermeintlichen Beförderungserschleichung nachgehen.
Weil wir aus der heiteren Stimmung, in der wir waren, herausgerissen und in die graue Borniertheit eines Kontrolettis geworfen wurden, hatten wir nur mittelbar Betroffenen reichlich Meinung zu dem Vorgang beizusteuern. In der nicht ganz unberechtigten Annahme, dass diese nicht zur Problemlösung beitragen wird, wurden wir freundlich wie unmissverständlich des Bahnhofes verwiesen. Erster Platzverweis der Saison, zack, da isser, schon so früh in der Saison. Das Lorioteske dieser Situation bildete, rückschauend betrachtet, einen schönen roten Faden zum vortägigen Spiel in Brandenburg an der Havel. Nach dem Schlussvorhang dieser kleinen Posse durften wir wieder alle über den uns kurz zuvor noch versperrten Bahnhof auf die Brandenburgische Seite wechseln.
Gut, dass wir trotz des Verbotes auf Schleichwegen im Reiseservice unsere Vorräte auffüllen konnten, denn wir mussten eine mächtige Verkehrsader queren und anschließend auf sandigen Wegen dem Eingang entgegen laufen. Wir hatten die Menge unserer Vorräte genau berechnet. Sie reichten exakt bis zum Stadioneingang, hinter dessen Kontrollbollwerkchen uns schon lautstark Jubel, Trubel und auch Heiterkeit entgegenschlug. Die Liebe des Unioners, neben der zu Union, für ausgiebiges Speisen und Trinken ist dem gastgebenden SV 1908 Grün-Weiß Ahrensfelde nicht verborgen geblieben und er hat richtig aufgetafelt. Ebenso wurde extra für uns aus Euro-Paletten und Bodenplatten eine kleine, aber nicht minder feine Tribüne geheimwerkt, die von uns dann auch wohlwollend betreten wurde.
Übrigens, wenn Seelenbinder als Stadionname nicht in Frage kommt, dann ist es fast immer der olle Turnvater, der dann herhalten muss. Deswegen sahen wir in der Jahnsportstätte Ahrensfelde, dass die in himmelblau auflaufenden Unsrigen nur beim von uns verpassten Aufwärmen, weiter oben habt ihr den Grund dazu gelesen, ein bisschen rumturnen wollten, aber mit Anpfiff dem englischen Spiel frönen wollten. Nach dem Tor in der ersten Minute folgten diesmal nur noch vier weitere. So konnten alle am Ende mit dem Ergebnis zufrieden sein, denn die einen sind weniger untergegangen, als die am Vortag und die anderen haben danach noch ausgiebig nicht das Bad in der Menge, sondern neben der Menge genießen können. Wohl wissend um die Aussagekraft solcher Spiele, gehen wir dennoch zufrieden zurück, aus dem Barnim in einen sonntäglichen Abend.
Im Sixpack nach Wien
Der Scheißfrühaufsteherfanclub hat sich einen ganz feinen next Levelshit in Sachen Frühaufstehen ausgedacht – schon ABENDS losfahren! Mit dem Nightjet nicht nur quer durch Deutschland, sondern auch schlafend durch die Nacht zu fahren, um dann sehr früh kurz vor der Ankunft in Wien aufzustehen, ist die ultimative Frühaufstehen-Challenge. Erholsamer Schlaf wird von Medizinern sicher anders beschrieben, aber der Abenteuercharakter einer solchen Unternehmung kann gar nicht überschätzt werden. Ich wurde erst richtig wach, als der Zug für zwei Stunden stand und das leichte Ruckeln mit einem Waggonabkoppeln aussetzte. Andere schleppten dieses Ruckeln mit durch den Tag, was dem ersten Tag in Wien bestimmt eine angenehm maritime Note verlieh. Was ja nur angemessen ist, wenn man sich in der Hauptstadt der einstigen Seemacht Österreich befindet. Schließlich wurde die moderne Schiffsschraube von einem Österreicher (Josef Ressel) entwickelt und auf ihre Seetauglichkeit getestet. Es könnte natürlich aber auch an den feinen geistigen Getränken gelegen haben.
Zur Ehrenrettung der Deutschen Bahn, auch die Österreichische Bundesbahn ist fehlbar. Es klingt nur schöner, wenn die Herren und Damen der ÖBB eine Erklärung für die Misere vorbringen und selbstverständlich an einer Lösung arbeiten. Nur so ist es zu erklären, dass der schon bereitstehende Zug wohl einen Waggon zu wenig bereitgestellt bekommen hatte. Das für uns Verdrießliche daran, just in diesem sollte sich unser Abteil befinden. Aber ein junger, motivierter Wagenschaffner nahm sich unser und unserer Reservierung an, sodass wir uns alsbald in einem Liegewagen mit uns vertrautem Design wiederfanden. SonderzugfahrerInnen haben ein Bild vor Augen. Wir beginnen also, uns in unserem Zuhause für die nächsten Stunden einzurichten. Für das Große und Ganze dieser Fahrt war unsere Einquartierung wohl nicht die geplante Option, aber für uns erwies es sich als Idealfall. Nach einem geschickt eingefädelten Ringtausch waren wir noch vor Dresden sechs Grenzenlose in unserem Abteil. So ließ sich dann doch ziemlich entspannt diese besondere Fahrt beginnen – mit Champagner, Persico, Berliner Luft, Gin Tonic …
Bei einem Gang durch den Zug entdeckte HSVler werden von uns ganz herzlich in der ERSTEN Bundesliga begrüßt. Frotzeln, Fachsimpeln und Berliner Luft wechseln sich munter ab. Und es erhöht die ohnehin schon vorhandene Vorfreude auf den Dino in der Alten Försterei. Da Nachtzüge offensichtlich nicht in das Dobrindtsche Suchprofil für die Bundespolizei fallen, passieren wir die Grenze zu Tschechien in der liebgewordenen Unachtsamkeit. Bis Prag leeren wir noch einiges, ab dann hatten wir uns schon vorab Nachtruhe verordnet, wahrscheinlich auch zur Freude der anderen Abteile.
Mit ein, zwei geschickten Handgriffen haben wir sechs Liegeplätze aufgebaut, die unserer müden Körper harren. Am Ende einer kurzen Nacht werden wir mit den Worten, ob wir schon bereit für Frühstück seien, geweckt. Sind wir. Es wird uns ein erstaunlich guter Kaffee und daran nicht heranreichendes Backwerk gereicht. Aber die hervorragende Marmelade konnte von der drögen Kaisersemmel gut ablenken. Mit dem letzten Schluck Kaffee im Schlund rollen wir schon in Wien Hbf ein.
Dem unvorbereiteten Bahnfahrer würde jetzt sicher eine kleine Panik anfliegen, aber wir, mit Insiderwissen Ausgestatteten, bleiben gelassen, weil wir bis Meidling fahren. Nach dem Kauf einer Zweiundsiebzig-Stunden-Fahrkarte, die wir weidlich abfahren werden, schlendern wir in einem erst erwachenden Wien zur Bushaltestelle.
Angekommen im 5. Bezirk ist es selbst für den Early-Check-in noch zu early. Durch die Lobby schlurfen unterkoffeinierte Hotelgäste am Frühstücksbuffet vorbei, denen wohl nur ein anständiger Verlängerter Lebensgeister einhauchen kann.
Wir stellen das Gepäck unter und unternehmen einen ersten kleinen Ausflug. Die Nähe bietet es an und unser angemessen ist es als Ziel allemal – Schönbrunn. Selbst zu dieser frühen Stunde ist man nicht ganz allein, aber doch schon sehr für sich. Im Schatten, denn die Wiener Morgensonne zeigt jetzt schon, wozu sie an diesem Wochenende in der Lage sein will. Der Franz wurde hier geboren und starb auch hier. Gut, es ist schon alles sehr weitläufig angelegt, aber man kann schon sagen, dass der Kaiser nie wirklich von zu Hause ausgezogen ist. Dass das zu Schwierigkeiten in der Beziehung zu Sisi führte, ist ja geradezu zwangsläufig.
In einem Biergarten am Eingang zum Tiergarten hoffen wir neben dem Schatten auf Getränke, für die es aber auch hier noch zu früh ist. Außer Würmern ist dem frühen Vogel wenig beschieden. So kehren wir zum Hotel zurück, auch weil der an sportlichen Ereignissen interessiertere Teil unserer Gruppe, sich auf den Weg nach Linz machen will. Die Hedonisten treffen sich mit unserer Union-Botschafterin in Wien zu einer kleinen Stadtbesichtigung. Der Stadtpark ist es allemal wert, mehrfach durchlaufen zu werden. Die reichlich mit Bänken und Bäumen gesäumten Wege laden zum Verweilen ein, was die Wiener offensichtlich ausgiebig tun. Bei uns allen ist das frühe Frühstück längst in ausreichend Schritte umgesetzt worden, so dass wir einen kleinen Snack nehmen wollen, bevor wir zur großen Sachertortenverkostung schreiten.
Letzten Endes lieben wir alle doch das, was der Berliner als Futtern wie bei Muttern bezeichnet, und so fällt unsere Wahl natürlich auf ein Restaurant, das sich “Viva la Mamma” nennt. Mit ganz hervorragenden Pizzen, Pasta und Salaten hat es sich eine ausdrückliche Empfehlung hier unbedingt verdient.
Wir setzen nach diesem exquisiten Mahl unsere kleine Runde durch die Wiener Innenstadt fort. Vorbei an der ältesten erhaltenen Kirche der Stadt, durch ein paar enge Gassen, in denen man förmlich den Sound einer Zitter von Ferne zu hören glaubt, kehren wir nicht in den Stefansdom (denn – “Ihr verehrt euren Gott im Himmel, aber wir verehren Christopher Trimmel”) ein, sondern schon kurz vorher in einen Gebäckladen, der nicht nur für sein markantes Farbdesign bekannt ist, sondern eben auch dafür, seinen Schriftzug auf viele Wintersporthelme zu pappen. Weniger bekannt ist, dass der Waffelbäcker wohl auch eine gleich gebrauchsfähige Glasur für Sachertorten vertreibt, von denen wir für Daheimgebliebene eine kleine Tranche mitbringen sollen.
Apropos Sachertorten! Da war doch was… Termindruck boah eh… Auf zum “Landtmann”, die Sachertortenverkostung wartet auf unser Urteil. Natürlich sind wir nicht zufällig, durch wahlloses Fingerkreisen in Google-Maps, auf dieses Kaffeehaus gekommen. Das “Landtmann” ist in der unternehmerischen Verantwortung der Eltern unseres Verteidigers mit dem päpstlichen Namen. Alles sehr schick, vielleicht etwas weniger Wiener-Kaffeehaus-Flair, als von uns erhofft, aber wir bestellen fast alles, was die Karte hergibt. Ergebnis – alle bestellten Kaffees waren von einer ausgezeichneten Güte und die Kuchen, inklusive der Sachertorte, sahen sehr gut aus.
Während wir versuchen, die Sechstausend-Kalorien-Marke zu reißen, sehen unsere nach Linz gereisten Mitreisenden das erste Tor gegen den LASK, dem noch ein weiteres folgen wird. Etwas weniger von dem konditorischen Œuvre verzückt, als wir uns es gewünscht hätten, setzen wir unsere Wienrunde fort. Vorbei an der “Burg” sind wir von dem kostenfreien Sommerkulturangebot vorm Rathaus schon einigermaßen beeindruckt. Aber als richtige Berliner lassen wir uns das selbstverständlich nicht allzu sehr anmerken. Wir vermeiden es tunlichst, die vorbeifahrende „Einundsiebzig zu nehmen“ . Stattdessen schlendern wir an der Hofburg vorbei. Im jeder Museumsinsel ebenbürtigen Ensemble der Museen und Musikhäusern Wiens rund um den Karlsplatz steigen wir in die U-Bahn, die, wie es sich für eine richtige Stadt von Niveau gehört, eine richtige ist und nicht wie so oft bloß eine unter Tage fahrende Straßenbahn ist. Denn dann wäre ja jede Zechenlore eine U-Bahn.
Mit einem geschickten Zugwechsel fahren wir Richtung Floridsdorf. Vorbei an der pittoresken Volksoper sieht man im warmen Licht der Julisonne den Kahlenberg liegen. Der seine Bekanntheit vor allem der gleichnamigen Schlacht verdankt, als die sehnsüchtig erwarteten polnischen Flügelreiter unter Sobieski heranstürmten und die just dieser Julitage vor 342 Jahren beginnende zweite Türkenbelagerung Wiens mit der Niederlage Mustafa Paschas beendeten. So schlug auch der zweite Griff des Osmanischen Reiches nach dem Goldenen Apfel fehl. Aber folgenlos blieb diese Belagerung nicht. Die Legende sagt, dass die Osmanen bei ihrer überstürzten Abreise einige Säcke mit Kaffeebohnen zurück ließen, die den ersten Aufguss für die heutige weltweit bekannte Wiener Kaffeehauskultur bildete. Ohne Belagerung hätten wir Stunden zuvor nicht im “Landtmann” sitzen können oder bestenfalls bei Tee und Limonade.
Selbst Mozarts Klaviersonate Nr.11 mit ihrem “alla turca”, bekannt als Türkischer Marsch, zwar hundert Jahre später entstanden, zeigt aber, wie groß der Einfluß der osmanischen Kultur auf das westliche Europa war. Das Gebiet um die Neue Donau ist ein ganz wunderbares Erholungsareal, wie es so stadtnah kaum ein zweites gibt. Wo wir dort ganz hervorragend zu Abend aßen, bei hervoragendem Bier und Aperol Spritze, tranken und quatschten, dass dem Wiener der Schmäh verging, bleibt im Kreis der Vor-Ort-Gewesenen. Geheimtipps sind schließlich nur welche, wenn man sie nicht in die Welt trötet.
Im Rot des schwindenden Tageslichtes verlassen wir diesen zauberhaften Ort und werden nicht zum ersten Mal an diesem Tag als Unioner in Wien begrüßt. Zurück im Hotel sollte uns die Vernunft auf unsere nach Schlaf jammernden Körper hören lassen, aber im Foyer läuft das Viertelfinale der Frauen und es gibt Ottakringer Bier. Vernünftig sind wir später, jetzt schauen wir mit steigendem Enthusiasmus das Spiel. Unsere Linzfahrer sind auch wieder zurück und bei uns im Foyer. Wer den größeren Spaß von uns hatte, bleibt in der Betrachtung jedem selbst überlassen zu entscheiden. Ich kann hier sicher für alle sprechen, wenn ich behaupte, dass ich an dem wunderschönen Sonntagmorgen erwachte und nicht wusste, ob ich überhaupt geschlafen habe, weil ich so gar keine Erinnerung an ins Bett gehen und einschlafen hatte.
Um so ausgeruhter sammeln wir uns „on the shady side of the street“, um in das von uns erwählte Frühstückscafé zu gehen. Bei annähernd dreißig Grad am Morgen ist so ein Kilometer deutlich länger als tausend Meter. Auf über zehntausend Metern brausen unsere letzten Mitreisenden heran, um unsere Gruppe zu vervollständigen. Wir haben uns inzwischen zu vielerlei Variationen von Ei entschieden. Damit es nicht den Anschein erweckt, es ginge nur um Essen, Trinken und davon zuviel, haben wir uns entschieden, eine von uns in die Albertina abzustellen, während die anderen “Rutschen für Europa” auf ein neues Level heben werden.
Natürlich wissen wir, dass der Prater mehr ist als der Vergnügungspark, der mit seinem Riesenrad die Szenerie bestimmt. Aber für einen ausgedehnten Spaziergang auf gepflegten Parkwegen fehlt die Zeit. Unsere leicht zu erheiternden Gemüter finden spontan großen Gefallen an der Wasserrutschenachterbahn. Die hochsommerlichen Temperaturen werden ihren Teil dazu beigetragen haben. So sehr wir auch noch weitere Attraktionen ausprobieren würden, aber wir haben einen Termin in Hütteldorf. So muss sich auch unsere Beauftragte für Hochkultur in der Albertina von Damien Hirst losreißen, also von seinem Werk.
An diesem Nachmittag wäre sicher in Hütteldorf nicht nur eine erhöhte Feinstaubbelastung messbar gewesen, wenn in dem begrenztem Raum des Großer-Deutscher-Versicherungskonzern-Stadion solche Messungen vorgenommen würden. Weil es in Österreich keinen kinderanoraksanzündenden Johannes B. gibt, sind die Regeln bezüglich Pyrotechnik etwas lockerer, als bei uns. So gibt es eine kleine Wolkeneskalation in Rot-Grün. Am Ende steht das beliebte leistungsgerechte Unentschieden. Und nach den unterklassigen Vereinen und dem sich wohl auf einen anderen Trainingslevel befindlichen LASK ein aussagekräftigeres Ergebnis. Fazit: Die Weltherrschaft wird wohl noch etwas warten müssen. Zumindest bei den Männern.
Nach minimalen Störungen im Bewegungsablauf treffen wir uns im empfohlenen “Zum lieben Augustin”, einem weniger touristisch ausgerichteten Gasthaus im Umfeld unseres Hotels. Allein die geeiste Gurkensuppe (auch wenn sie bei unserer Kaloriensammelei, den kleinsten Anteil hatte) verlangte eigentlich eine ausführlichere Betrachtung als hier jetzt so kurz vor Saisonstart möglich ist. Aber das sie nur einen Tag zuvor eine fünfzehnköpfige Tischbestellung annehmen, einen schönen Tisch im Außenbereich zusammenstellen und nicht verzweifelt überrascht sind, wenn alle mehrgängig Essen bestellen, muss erwähnt werden. Nimm das, du namenloses Brauhaus in Augsburg!
Am nächsten Morgen – same procedere, nur diesmal mit Gepäck. Beim zweiten Besuch kann man sicher schon vom Stammfrühstückscafé in Wien sprechen. Doch welch’ Überraschung unser Stammtisch ist besetzt… Das is doch?… Isser … Unser Tisch ist vom einzigen gebürtigen Wiener in unserer Mannschaft samt Familie belegt. Also brav mit “Eisern” grüßen und rinn in die gute Stube. Wenn er so ein gutes Händchen auf dem Platz, wie bei der Tischwahl hat, dann muss uns diese Saison nicht bange sein. Nach ziemlich hervorragenden “Egg Benedict” und anderen Eier-Gerichten verweilen wir keinen noch so schönen Augenblick länger, als das Zeche begleichen dauert, denn wir haben einen Zug zu bekommen, um eine eisenbahnerische Kultureinrichtung mit unserem Besuch zu ehren und zu ihrem Erhalt beizutragen. Eine letzte Fahrt mit einem Bus durch die Stadt und wir sind an dem recht modernen, aber wenig imposanten Hauptbahnhof Wiens.
Um nicht bis zu unserem Umsteigebahnhof Praha hlavni nadrazi auf dem Trocknen zu sitzen, füllen wir unsere Getränkebestände auf. Während die anderen vorausschauend auf nicht alkoholische Flüssigkeiten setzen, kam ich um ein letztes Ottakringer nicht herum. Wegen eines Unfalls, wird der Zug umgeleitet und kann deswegen nicht in Brno halten und man glaubt es kaum, das Bahnpersonal geht durch den Zug, fragt die Fahrgäste, ob sie von der Änderung der Fahrtroute mitbekommen haben. Mit etwas Verspätung erreichen wir Praha hlavni nadrazi und im historischen Ambiente des alten Bahnhofsgebäudes verbringen wir die Zeit bis zur Abfahrt des als “Knödelexpress” bekannten Eurocity.
Schon bei der Buchung hatten wir beschlossen, auf die gebuchten Sitzplätze zu verzichten und von Anfang an den Speisewagen zu okkupieren. Hier wird noch weitgehend selbst gekocht, natürlich die gute böhmische Küche, die wegen ihrer Bekömmlichkeit weithin beliebt ist. Nomen est omen – es muss das Knödelgericht sein. Dazu ein Pilsener Urquell, vielleicht zwei, drei … Abschließend ein Pallatschinken, der natürlich etwas völlig anderes ist als der Eierkuchen unserer Gefilde. Er schmeckt auch viel besser. Mit dem letzten Bier haben wir die Herausforderung bestanden, in gut drei Tagen eine zwanzigtausend Kalorienaufnahme und Fußball miteinander zu verbinden. Wie sehr unsere Zugvöllerei Wellen geschlagen haben muss, zeigen die nicht wenigen Artikel der folgenden Tage, in denen der Erhalt des Knödelexpresses gefordert. Gut, wir werden nicht erwähnt, aber das soll Zufall sein?
Auf eine gute Saison uns allen.























































