Oder: der letzte Cowboy bringt die Gülle raus
Dem Pokal haftet ja der Ruch an, nach eigenen Gesetzen zu funktionieren. Was letzten Endes lediglich bedeutet, dass es keinen Spielraum für Ausrutscher gibt. Es zählt nur, wer am Ende mit dem rauchenden Colt in der Hand dasteht. Für den Bundesligisten bietet die erste Hauptrunde ausreichend Gelegenheit, derartige Fehler zu machen, die sich zu einem anständigen Ausrutscher summieren. Es ist das erste Pflichtspiel.
Während der unterklassige Gegner schon Spielpraxis sammeln konnte und hochmotiviert ist, einen Einmal-im-Leben-Moment zu kreieren. Selbst ist man auch noch in der dösigen Schwere des Sommers, überall openair, Musik, Kino, Essen, Bier im Garten mit Zapfhahn. Und alles möglichst ganztägig. In diese Entspannung hinein heißt es wieder auf die Autobahn, weil diese erste Runde traditionell für den Bundesligisten in der Ferne stattfindet. Die Ferne hieß diesmal Gütersloh. So fliegen wir über A2 einigermaßen freudig dem ersten Pflichtspiel der Saison entgegen.
Gütersloh ist vor allem für drei Dinge bekannt: Bertelsmann, Miele und dem letzten Cowboy. Der, wenn er nicht die Freiheit im Irgendwo sucht, an Spieltagen Gülle auf dem stadionnahen Acker ausbringt.
In der Woche vor dem Spiel erreichte uns eine Mail, in der uns ein Parkplatz angeboten wurde. Denn die am Stadion für uns vorgesehenen seien für die anvisierten viertausend Gäste aus Berlin nicht ausreichend. Großes Plus – fünf Minuten fußläufig vom Heidewald-Stadion entfernt. Das klingt in diesen Zeiten so merkwürdig, so dass man versucht ist, ein wenig Recherche zu betreiben. Eine Falle von Gütersloher Hools? Weit gefehlt. Am Donnerstag bekommen wir eine handgezeichnete Wegeskizze zugeschickt.
Gastfreundschaft
Wir kennen jetzt die nettesten Menschen Güterlohs und aller angeschlossenen Subkontinente. Denn das angebotene Parkplatzangebot beinhaltete nicht nur einen Stellplatz. Die uns erwartenden P. und M. laden uns auf ihre schattige Gartenterrasse zur Erholung ein. Bei Kaffee, Wasser und Bier erzählen wir von uns, unserem Fanclub und erfahren einiges an heute weniger gruseligen Geschichten aus dem geteilten Berlin der späten sechziger Jahre.
Der Anpfiff bestimmt den Tag, so machen wir uns gemeinsam auf den Weg zum Stadion. Am Abzweig zum Gästeeingang trennen und verabreden wir uns für nach dem Spiel. Im Gästebereich riecht es wegen des Arbeitsfleisses des letzten Cowboys etwas streng, aber wer einmal am Bahnhof Alexanderplatz entlang gegangen ist, stört sich nicht am Geruch, sondern muss sich zwingen, sich nicht ständig nach einer herannahenden Straßenbahn umzuschauen. Nichtsdestotrotz gehen Speis und Trank reichlich über die Tresen. Da wir alle vernünftiger werden, ist dank der Temperaturen nicht, wie sicher erhofft, das Bier alle, sondern das Mineralwasser.
Zum Spiel
Zu Beginn, wie es sich für einen guten Saisonstart gehört, wird auf beiden Seiten ein wenig choreografiert. Wir probieren einen neuen Chant, der noch in vielem ausbaufähig ist. Angemessene fünf Tore später ist diese Pflichtaufgabe erfüllt und Union eine Runde weiter. Das Ergebnis ist hoch, aber nicht demütigend hoch. Der sicher verdiente Ehrentreffer blieb dem FCG versagt. Aus unserer Sicht ist das natürlich positiv, weil es uns gelungen ist, kein Gegentor zu bekommen.
Wir haben gelernt, dass Matheo Raab ein solider Ersatz für Freddie sein kann. Auch wenn ich persönlich Unions Einkaufspolitik bei Torhütern nicht richtig nachvollziehen kann, verstehe ich, warum es Matheo geworden ist. Nach dem Bedanken bei der Mannschaft für das Spiel, das ein wenig Sorgen nimmt, gehen wir zurück zu P. und M., die uns mit Glückwünschen und Getränken erwarten. In der lauen Kühle des Sommerabends sitzen wir auf der Terrasse. Die schnelle Abfahrt nach Berlin verschieben wir auf später. Nachbarn winken, ebenfalls gratulierend, über den Gartenzaun.
Wir nehmen noch von den selbstgemachten Frikadellen P.s und hören von dem wenig überzeugenden Start der FCG in die Regionalliga West und der sich dort schon abzeichnenden und heute offenbarten Schwächen in der Abwehr. Einwände, dass Union jetzt auch nicht übermäßig geglänzt und dies doch auch an der gastgebenden Mannschaft gelegen hätte, werden nicht gelten gelassen. Aber der Schmerz der Niederlage und des Ausscheidens aus dem Pokal lassen sich leicht hier leicht verschmerzen, denn in erster Linie ist man hier Schalker oder wie P. BVBler und M. Effzeh-Fan.
Bevor die nächste Getränkerunde angeboten wird und wir wirklich bis zum nächsten Morgen hier sitzen und quatschen, drängen wir zum Aufbruch. Die Verabschiedung ist herzlich. Niemand von außen könnte erahnen, dass wir uns keine acht Stunden zuvor zum ersten Mal begegnet sind. Wir sprechen eine hoffentlich einlösbare Einladung für ein Spiel in der Alten Försterei aus.
Wenn mal wieder pauschalisierend von den bösen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstörenden Fußballfans gesprochen wird, dann sollte diese kleine Geschichte hier ein zu nennendes Gegenbeispiel sein. Eines von vielen.
Auf der Rückfahrt gehen mir zwei Gedanken durch den Kopf. Sollte wider Erwarten Union nicht ins Finale vordringen (ja, ja natürlich unverdient und mit nicht anschaubarem Fußball) und damit eine unvergessliche Pokalsaison spielen, wird dieses Spiel dennoch unvergesslich sein. Nicht wegen des Ergebnisses, sondern wegen der zwei Menschen, die wir heute kennenlernen durften. Der zweite Gedanke ist alltagsbezogener. Wenn ich im grauen Alltag zu denken anfange, die Welt im Allgemeinen und die Menschheit im Besonderen bestünde nur noch aus Egoismus und Gier, dann rufe ich mir P. und M. ins Gedächtnis. Es besteht doch noch Hoffnung für uns alle. Ich bin mir sicher, den anderen Sechs im Bus gingen ähnliche Gedanken durch den Kopf.
Und jetzt alle: BERLIN, BERLIN – Wir fahren nach BERLIN!























