Stadtmeister, Stadtmeister …. Berlins Nr. 1

Am Sonnabend um 20.15 Uhr war es soweit: weißer Rauch – lateinischen auch gerne fumus albus genannt – wurde über der Alten Försterei in Köpenick gesichtet. Das Ergebnis war somit amtlich. Was für die katholische Kirche bei der Papstwahl in Rom in der Regel mit den Worten „habemus papam“ bezeichnet wird, heißt ab sofort im Unionkosmos „habemus civitatem dominum“. Für alle Nichtlateiner unter uns, dass bedeutet so viel wie „Wir haben einen Stadtmeister“.

Wobei der weiße Rauch über dem Gästeblock eine andere Ursache hatte, als einzugestehen, dass Union jetzt Stadtmeister ist. Das zudem noch ein Böller und eine Leuchtfackel auf dem Rasen hinter Andreas Luthe landeten, setzte dem Abend, – der eigentlich ein tolles Fußballfest war, – die sogenannte Krone auf. Wann begreifen es endlich alle, dass wir dem gemeinsamen Anliegen, dass Pyrotechnik kein Verbrechen ist und in einem verantwortungsvollen Umgang durchaus auch ins Stadion gehört, keinen Schritt näher kommen, wenn es immer wieder Idioten gibt, die dieses Zeug aus den Blöcken auf den Rasen werfen. Noch einmal und zum Mitschreiben: Pyros bleiben in der Hand und verlassen niemals den Block in Richtung Spielfeld. Und zu Böllern fällt mir gar nichts mehr ein. Lasst das Zeug einfach zu Hause.  

Aber zurück zum Wesentlichen: Der Stadtmeisterschaft. 😉 Fußballpuristen – vor allem derer in blau/weiß – werden jetzt bestimmt anmerken, dass zu einer erfolgreichen Stadtmeisterschaft immer zwei Spiele gehören, also auch noch ein zu absolvierendes Rückspiel. Dem kann man folgen, muss man aber nicht. Warum? Ganz einfach: Bisher trafen Union und Hertha vor dem letzten Spieltag insgesamt vier Mal in der 1. Bundesliga gegeneinander an. Davon war lediglich ein Spiel, das in einem vollen Stadion – also einem richtigen Derby entsprechend – stattgefunden hat: am 02. November 2019 in der Alten Försterei und endete mit einem Sieg für Union. Die folgenden drei Spiele fanden alle unter Ausschluss der Fans statt und verdienen daher nicht die Bezeichnung „Hauptstadtderby“. Denn ein Derby zeichnet sich nicht in erster Linie damit aus, dass zwei Mannschaften aus der gleichen Stadt gegeneinander antreten, sondern dass sich auch die beiden Fanlager im Stadion gegeneinander batteln. Und genau DAS hat bisher nur zwei Mal in der 1. Bundesliga stattgefunden: Am 2.11.2019 (10. Spieltag) und eben am vergangenen Sonnabend (12. Spieltag) in der Alten Försterei. Das Ergebnis ist bekannt. In der Addition beider Spiele Union: 3 Tore und Hertha: 0 Tore. Noch Fragen?

Natürlich kann oder muss man sogar die Frage stellen, ob ein Fußballspiel in einem vollausgelasteten Stadion in unserer jetzigen Situation überhaupt vertretbar ist. Nur mal zur Erinnerung. Als die Pandemie begann und am 22. Mai 2020 das 2. Derby als Geisterspiel stattfand, hatten wir eine Inzidenz von 176.  Am Sonnabend lag die Berliner Inzidenz um die 340. Viele Fachleute, aber auch Fans stellen dann natürlich die berechtigte Frage, warum es bei diesen Zahlen überhaupt möglich ist, ein Fußballspiel unter Vollauslastung anzupfeifen. Diese Frage wurde auch kurz vor dem Derby an Christian Arbeit in einem Interview von Radio Eins gestellt und aus meiner Sicht auch nachvollziehbar beantwortet. Das kann man richtig finden oder auch nicht – vor wenigen Tagen wurde die Gesetzeslage dahingehend angepasst, dass nicht mehr die Inzidenz der ausschlaggebende Punkt bei einer möglichen Einschränkung der Besucherzahlen im Stadion ist, sondern eben die Hospitalisierungsampel und genau diese war in Berlin zum Zeitpunkt des Spiels auf Grün und zudem auch noch fallend. Den Vereinen, nicht nur Union, jetzt vorzuwerfen, dass sie lediglich den rechtlich zulässigen Rahmen auch ausnutzen, ist definitiv nicht der richtige Weg. Hier ist einzig und allein die Politik gefragt, den Vereinen entsprechende einheitliche und klare Vorgaben zu machen.

Aber auch hier ist sich die Wissenschaft nicht ganz einig. Die einen sind der Meinung alle Freiluftveranstaltungen umgehend abzusagen – andere Wissenschaftler, vor allem Aerosolforscher, halten dagegen: „ … Natürlich kann es einzelne Ansteckung geben, weil man 90 Minuten oder noch länger in dem Stadion neben einer anderen Person steht. Aber es wird nicht so sein, dass sich das halbe Stadion infiziert, weil diese Aerosol-Wolke relativ schnell verdünnt wird. Aufpassen würde ich bei solchen Ereignissen bei der An- und Abreise, auf den Toiletten und dann natürlich in den Logen. Das sind die gefährlichsten Orte.“ Das sagt der führende Aerosolforscher Deutschlands, der Biophysiker Gerhard Scheuch in einem Interview, der sich seit fast 30 Jahren mit dieser Thematik befasst, kurz vor dem Hauptstadtderby. Das ganze Interview ist hier nachzulesen. Also alles nur heiße Luft? Mit Sicherheit nicht, denn es gibt trotz allem gute Gründe der pandemischen Entwicklung Rechnung zu tragen und Massenveranstaltungen in diesen Zeiten durchaus abzusagen. Denn zum Beispiel die Ansteckungsnadelöhre der An- und Abreise zu den Stadien bestehen ja trotzdem.

Der Verfasser dieser Zeilen war auch im Stadion, mit dem Fahrrad angereist und fühlte sich zu keiner Zeit unwohl. Alle mit dem Verfasser dieser Zeilen zusammenstehenden Mitglieder des Fanklubs waren vor dem Spiel und nach dem Spiel sich testen und trugen auch während des Spiels FFP2-Masken, so wie es von beiden Vereinen empfohlen wurde. Ja, und auch das gehört zur Wahrheit: Damit waren wir in der gesamten Masse der Geimpften/Genesenen in der Minderheit. Dennoch hat Union im Vorfeld alles dafür getan, ein gewisses Maß an Sicherheit zu bieten. Alle Besucher des Spiels hatten die Möglichkeit, sich im Testzentrum auf dem Stadiongelände kostenlos testen zu lassen und konnten bereits ab Donnerstag in den drei Zeughäusern des Vereins ihren digitalen Impfpass oder den Genesenennachweis checken lassen und ausgerüstet mit einem Bändchen ohne nochmalige Kontrolle der Nachweise und somit ohne Staubildung am Spieltag ins Stadion kommen.

Auch die im Gegensatz zu anderen Spielen in der AF sehr große Anzahl von Ordnern achtete penibel darauf, dass die Fans ihre Masken auf den Wegen im Stadion an der richtigen Stelle im Gesicht trugen. Kit Holden vom Tagesspiegel hat seine Beobachtungen in seinem Bericht sehr gut und treffend zusammengefasst. Wer Lust hat, kann seinen Artikel über die Einhaltung der Corona-Maßnahmen durch die Fans hier nachlesen. Das es auch gute Argumente gibt, dass ein Derby vor ausverkauften Haus auch unter Corona-Rekordzahlen vertretbar ist, schreibt David Joram für den Sportbuzzer. Aber ein Fakt steht seit dem Sonnabend felsensicher fest: es war ein absolut geiles Gefühl in einem vollbesetzten Stadion – trotz Risiko – ein Stück Normalität zu spüren. Es hat sich gelohnt, denn wir sind Stadtmeister 😉.

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