Letzte Ausfahrt Heidenheim

Oder: “Only Nixon could go to China.”

Wenn es heißt, dass man den Tag nicht vor dem Abend loben solle, dann ist es ja lediglich die poetische Umschreibung für: Man weeß nie jenau, wat noch kommt. Für Fahrten nach Heidenheim gilt das im Allgemeinen und im Besonderen für Unioner nicht. Vieles ist erwartbar, eine aus vielen ligaübergreifenden Begegnungen gewachsene Erfahrung. Deswegen erwarten wir nichts und legen unser Augenmerk auf die Fahrt.

Das ist auch notwendig, denn diese Fahrt ist umsteigeträchtig. Was bedeutet, man muss, wie einst Phileas Fogg, auf dem Kiwieff sein, um keinen Anschluss zu verpassen. Denn es ist egal, ob man achtzig Tage oder nur elf Stunden bis zu einem festgelegten Termin braucht. Haste den verpasst, biste zu spät.

Um halb fünf Uhr morgens auf dem Weg zum Mitnahmetreffpunkt ist der Gedanke an Handschuhe, die man hätte anziehen sollen, nicht das Abwegigste, was einem durch den noch müden Kopf gehen kann. Und auch der Raureif auf den Autos gibt einem Recht. Mit mir ist nur noch ein Zeitungsverteiler unterwegs, der von Gartentor zu Gartentor radelt. Am vereinbarten Treffpunkt backt eine Backstube ihre Backlinge zu Schrippen auf und über den kleinen Kreisverkehr hinaus breitet sich der frische Duft ebendieser Backwaren unangenehm aus. Unangenehm deshalb, weil der Laden selbst noch zweieinhalb Stunden geschlossen ist.

Die Rolltreppenverschwörung ist zwar längst aufgedeckt, aber technisch noch nicht behoben. So stiefeln wir einigermaßen unausgeschlafen die Treppen hoch. Hier ist schon ordentlich Betrieb. Reisegruppen tummeln sich vor den gesperrten Rolltreppen. Der Imbissverkäufer reicht frisch belegte Schrippen heraus. Frühe WochenendarbeiterInnen warten auf die S-Bahn und nippen teilnahmslos an ihren Pappbechern. Mehrweg ist kein Konzept der frühen Morgenstunden.

Wir warten nur kurz bis unser Zug einfährt, in dem die Handvoll Grenzenloser darauf wartet, das mit unserem Hinzukommen die glorreichen Sieben perfekt sind, mit Sicherheit mit etwas weniger lethalen Ausfällen. Zwischen Schlummern und sich das Fanleben schönreden gleiten wir elegant vor dem Berlin von der südlichen Welt abschneidenden Oberleitungsschaden Richtung München. Das muss das sein, was Militärs „vor die Lage kommen“ nennen.

Wir haben mal wieder eine Verbindung gewählt, bei der man, aus Berlin kommend, in München in einen Zug nach Berlin wechselt, um dann in einer x-beliebigen Stadt südwestlich auszusteigen. Müssten wir nach Klein-Anfield, dann wären wir nach einem mittleren Katzensprung schon angekommen und munter im Brauhaus am Bahnhof den Spieltag eintrinken. Wir aber müssen ja nach Heidenheim. Um dort hinzugelangen, müssen wir nach Ulm, in der sich die Textilfachkraft Albrecht Ludwig Berblinger wenig erfolgreich in größeren Katzensprüngen versuchte, mittels die Körperfläche vergrößender technischer Hilfsmittel. Der Turm des Münsters blickt auf uns Transitreisende so gelassen wie er den katalanischen Emporkömmling ignoriert. Was ‘ne Gaudi!

Ein weiteres Mal wechseln wir den Bahnsteig und können ebenfalls gelassen in den bereitstehende S-Bahnzug einsteigen und uns Plätze nach gusto aussuchen. Ein englischsprechender Typ in schwarzer Trainingshose will von uns wissen, wie lang die Fahrt bis Heidenheim dauern würde. Ein kurzer Blick in die App gibt uns und ihm gleichermaßen die Erkenntnis – eine Spielhälfte plus Nachspielzeit. Selbst nach der Ankunft, auf den Bus wartend, plaudern wir noch ein wenig. Schließlich wissen wir, dass er ein Scout von Chelsea ist, der am Ende weder Doekhi noch Leite auf dem Zettel hatte, auch nicht irgendeinen Marc aus Franks Schnatterer-Gang. Eine nachträgliche Internetrecherche ergibt, dass er für deren Jugendakademie arbeitet. Also Hände weg von Linus, Fred!

Wenn man nicht mit dem Kraftfahrzeug in Heidenheim ankommt, sondern klimafreundlich am neben dem ZOB liegenden Bahnhof, dann betritt die fußballreisende Gruppe ein sauber aufgeräumtes Städtchen. Wie eben diese Orte mit den mehr oder weniger hidden Champions so sind. Hier wird viel Geld in Steine und dessen Wartung investiert. Und weil die Stimmung grad so gut ist, lassen wir einen kritischen Blick auf die Situation am Mekong einfach weg. Mit der Erleichterung, die einem nur eine öffentliche Toilette geben kann, warten wir mit Putztüchern unsere Sonnenbrillen und dann selbst in der schon wärmenden Sonne auf den ersten Shuttle-Bus.

Wir kommen auf der Heimseite an und bekommen so die Gelegenheit, das als Arena verballhornte Stadion von einer für uns ungewohnten Seite zu umrunden. Das ist ziemlich interessant, weil wir, trotz des uns noch bevorstehenden Ergebnisses, sicher für eine Weile nicht hierher fahren werden. Es ist eben auch eine Abschiedstour, auch das mehr als wir in dem Moment ahnen. Von freundlichen OrdnerInnen werden wir durch beiseite geräumte Absperrgitter ans Ende einer schon ordentlich langen Schlange von wartenden Unionern bugsiert. Der weibliche Teil der glorreichen Sieben hat das Glück, dass am Frauen-Gate die Schlange der Wartenden deutlich kürzer ist und somit haben sie das zweifelhafte Vergnügen, die erste Runde der liquiden Grundversorgung zu ordern. Mittels der modernen Kommunikationstechnik können personalisierte Wünsche realisiert werden. Ach, schöne, neue Welt!

Als wir männlichen Reisegruppenteilnehmer einige Weilen später auch in den Kulinarik vertreibenden Bereich kommen, nutzen wir die Gelegenheit eines fast leeren Essenstandes, um die große, megaklandestine Currywurstverkostung fortzuführen. Vor kurzem in einer fahrzeugproduzierenden Stadt, nahe Berlins, erreichte die Verkostung einen Tiefpunkt, der tiefer nicht sein konnte. Es wurde von den VertreiberInnen behauptet, dass das Curry in die Wurstfarce eingearbeitet wurde. Und mit Sicherheit hätte für diese Wurst ein gewisser Altkanzler sein politisches Renomeé nicht in die Wagschale geworfen. Insofern sind wir stolz verkünden zu können, dass der Heidenheimer Currywurst der Titel “Beste Currywurst südlich von Dortmund” in dieser Saison nicht mehr zu nehmen ist. Aber alles Hinauszögern hilft letzten Endes nicht und wir stürzen uns ins Unvermeidliche.

Im Block wartet auf uns schon das erste zuversichtlich stimmende Bier. Wie wir, sind alle wegen Union und des Spiels hier, was aber nicht bedeutet, dass man sich nicht noch mit anderen Dingen beschäftigen kann, zum Beispiel war es eine gute Gelegenheit das sich schon lange vorgenommene Deckentatoo endlich mal fertigzustellen. Die Profaneren unter uns verwandeln den Block in einen Biergarten. Und wir taten alle gut daran, uns Nebenbeschäftigungen zu suchen, denn es war ein Heidenheimspiel wie Heidenheimspiele so für uns laufen.

Wir waren wirklich gute Gäste. Wir haben geholfen, den Block zu verschönern und die Unioner auf dem Platz verhalfen den Heidenheimern zu mehr Selbstbewusstsein. Unsere Gastgeber revanchierten sich, ob unseres großzügigen Verhaltens, mit einem frühen Shuttlebus, damit wir den frühen Zug erreichen können, weil bekannt wurde, dass der gut nach Spielende erreichbare Zug ausfallen würde.

Ein Herr in feinem Zwirn neigt zum Schwurbeln

Wie auf der Hinfahrt steigen wir in Ulm um. Der Turm des Münsters ragt noch über der Stadt, in den letzten viereinhalb Stunden ist also nichts Schlimmes passiert. In Ermangelung von reservierten Sitzplätzen und der Aufnahme von erwärmten Nahrungsmitteln stürmen wir in den Speisewagen. Wegen eines beschädigten Fensters sitzen wir etwas beengter. Diese Nähe und unsere offensichtliche Fußballfanerscheinung regt einen edel gewandten Herrn zu einem Gespräch an. Anfänglich taumelte es zwischen Fußballfan und Speisewagen im Allgemeinen wie im Speziellen hin und her, weil der Herr Anwalt für Immobilienrecht ist, geht es kurzzeitig um Mietrecht, wo Berliner natürlich leidensfähige Experten sind.

Eventuell war ich zu sehr mit dem Verzehr meines Chilis beschäftigt, dass mir der Spin entgangen ist. Vermutlich fing es vermeintlich harmlos mit den grundlastfähigen Atomkraftwerken an, aber wurden uns Erkenntnisse um die Ohren gehauen, so dass wir aber mit denselben schlackerten. Wusstet ihr, dass die Offshore-Windparks für die Erderwärmung verantwortlich sind? Nein? Das liegt wohl daran, weil der Wind, wenn er durch das Windrad ordentlich durchrotiert wurde, dahinter wärmer ist. Ich bin ehrlich bereit, das mal mit einem alternativen Versuchsaufbau mit einem Fahrrad zu testen. Wodurch die Luft rotiert wird, dürfte ja unerheblich sein.

Was mir seit meinem fünften Lebensjahr auch auffällt, ist die Tatsache, dass sich die Erde langsamer dreht als die fünf Jahre zuvor. Die bisherige Unkenntnis über den Grund dafür würde ich meinem damaligen jugendlichen Alter zugutehalten. Der Assuan-Staudamm! Dieses mächtige Bauwerk der sechziger Jahre sorgt wohl dafür, dass sich die Erdrotation verlangsamt hat und sich somit seither die Jahreszeiten verschieben. Klugscheißerisch würde ich ja behaupten, dass die Versetzung Abu Simbels, damit es nicht vom Nasser-See überspült wird, auf einen höheren Standort mit darauf Einfluss hatte. Vielleicht trage ich auch eine gewisse Mitschuld. Ich war im Sandkastenalter und habe auch mit meinen mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten große Löcher gebuddelt. Berechtigte Zweifel würde ich bei der vorgeschlagenen Lösung unseres Mitreisenden haben. Wenn man einen Monat lang den 1. Januar hätte, quasi einen Schaltmonat einfügte, dann würden die Jahreszeiten wieder korrekt…zu unserem Glück kommen wir in München an.

Mit der wieder einmal bestätigten Erkenntnis, dass akademische Grade nichts mit Vernunft zu tun haben und nicht vor Schwurbelei schützen, wechseln wir ein letztes Mal den Zug. Allmählich klingt bei mir auch das ob des reichlich vermittelten alternativen Wissens eingesetzte Surren in meinem Kopf wieder ab. Ein Helles und zwei Flaschen Wasser haben dabei geholfen. Zwischen einsetzender Müdigkeit und einer allgemeinen inneren Unruhe, wegen der fehlenden Punkte und wo die wohl herkommen mögen, versetzt ein Ereignis nicht nur uns in eine Wachheit, sondern auch die sportjournalistischen Themen der nächsten Tage.

Das in der Nacht erfolgte Beben gehört in diesen Bericht, allein weil wir noch auf der Rückreise waren. Die Freistellung von Steffen Baumgart kam dennoch etwas überraschend. Tabellenplatz wie die Vertragsverlängerung ließen oberflächlich betrachtet dies recht unwahrscheinlich erscheinen. Für viele noch überraschender aber war die Nachfolge, obwohl sie aus der Union-Blase heraus betrachtet als die logischste erscheint. Vielleicht ist es für den etwas Abseitsstehenden etwas schwieriger zu verstehen, weswegen dann viele Gründe, wie Ablehnung des Gendern und veganer Wurst, herhalten müssen, dass diese Entscheidung ja wohl dicht an einem Weltwunder sein muss. Aber wie eben nur Nixon nach China gehen konnte, konnte eventuell nur Union diesen ersten Schritt machen und eine Frau als Cheftrainerin einer Bundesligamannschaft einsetzen.

Dem Verein mit dem knorrigen Genderverweigerer als Präsidenten wird vermutlich niemand linksgrün-woke, symbolistische Weltverbesserung statt fachliche Expertise vorhalten können, sondern eigentlich nur das, was am Wahrscheinlichsten ist – einen opportunistischen Pragmatismus. Was diesen Gedanken meines Erachtens unterstützt, beim Stadionbau hat der Präsi auch schon eine Frau an eine exponierte Stelle gesetzt – Sylvia Weisheit als Bauleiterin.

Möglicherweise hat auch geholfen, dass er eine DDR-Sozialisation hat, weil es dort üblicher war, dass Frauen einen Beruf lernen, studieren und auch diesen, trotz Kindern, ausüben können. Auch in sogenannten nichtfrauentypischen Berufen. Ein gesellschaftlich gewollter wie weitgehend akzeptierter Lebensentwurf, der in der alten Bundesrepublik bis weit in die Achtziger Jahre einiges Stirnrunzeln hervorgerufen hätte. Vor allen Dingen deswegen, weil bis Mitte der Siebziger Frauen ihren Mann um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie arbeiten wollten. Also gegen Bezahlung und außerhalb der Wohnung.

Insofern musste vielleicht unser Nixon voran nach China gehen. Natürlich hat Louis Inthronisierung für soviel Aufsehen erregt, dass niemand eindringlicher nach den Gründen für die Entlassung von Baume gefragt hat. Denn die wird es neben der spielerischen Durststrecke geben. Aber während ich mich durch diesen Text zeilenknechte, verfliegt die erste Trainigswoche mit ihr und der Spieltag setzt das ganze Drumherum auf Null.

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