Grenzenlos Eisern durch Europa – Troisième partie / Deel drie

Von Gelingen und Scheitern – Ein Reisebericht von Tom und 001.

Diese Auswärtsfahrt begann viel mehr als viele andere zuvor schon Tage vorher bevor sie überhaupt losging. Und es waren nicht meteorologische Vorhersagen, deren Ergebnis das Kofferpacken beeinflussen würde, die uns beschäftigten. Die nicht zu Unrecht von der UEFA verhängte, wenn auch sehr harte Strafe sorgte dafür, dass alle UnionerInnen sich in kreativer Kartenbesorgung versuchten. Was wohl dazu führte, dass die Seite von Saint Gilloise abgeschaltet wurde. Bishin zu der alle Verhältnismäßigkeit sprengenden Maßnahme durch den Bürgermeister von Leuven, ein Betretungsverbot zu verhängen. Gegen das Unionfans und Verein per Eilantrag klagten.

Wie es sich für konspirative Missionen gehört, sind wir nicht in einer Gruppe gereist, sondern in mehr oder minder willkürlich entstandenen Grüppchen, die sich auf die zu verschiedenen Zeiten abfahrenden ICEs verteilten. Dass hier persönliche Vorlieben des Aufwachens und Aufstehens eine Rolle gespielt haben sollen, ist nicht beweisbar. In diese Richtung gehende Tweets waren selbstverständlich False-flag-Operationen. Alles für die Mission. So fuhren einige Grenzenlose gen Köln. Denn willst Du nach Brü…pst, dann kommst du an Köln nicht vorbei.

Die zwanzig Minuten Verspätung sind nicht stark genug um uns unseren geplanten Umsteigezug verpassen zu lassen. Hingegen haben wir die vor uns Abgereisten überholen können. Diese nutzten die Zeit um höhere Mächte mit wachsenen Lichtbringern Milde zu stimmen. Als einer der Fernsten der Religionsfernen und obendrein aus protestantischen Landen kommend, betrachte ich natürlich diese Form von Ablaß amüsiert kritisch. Als Berliner denkste – Schaden kann et ja nich.

Platz nehmen im Thalys von Köln nach Brüssel

So kamen wir, wie wir losgefahren waren, gestaffelt in der EU-Hauptstadt an. Ein Großteil ist auch im selben Hotel, welches man meiden sollte, wenn einem schöne Zimmerausblicke am Herzen liegen. Die Nähe zu den Bahnhöfen und den Sehenswürdigkeiten sind aber ein großes Plus.

Kurz frischgemacht und Snacks suchend, geht es in einer schönen Siebenergruppe zum Bahnhof Central. Denn die juristische Lage ist noch unentschieden, ein Teil hat Tickets, die schon im September als Dreier-Abo gekauft wurden. Zum Teil wurden die nicht benötigten Tickets an Belgier weitergegeben, so dass das letzte funktionieren sollten. Kurz gesagt, die Hoffnung stirbt zuletzt.

In Leuven, wo RUSG wegen der * UEFA-Regeln spielen muss, ist die Realität eine entspanntere als sie in Union begleitenden Radiosendern dargestellt wurde. Aber mithin auch nicht laissez faire. Bis zum Stadion von OH Leuven ist kaum wirklich Polizeipräsenz zu erkennen. Offensichtlich ist diese gewillt, das Betretungsverbot für die Stadt Leuven, eher großzügig auszulegen und es lediglich  ein wenig strenger im Stadionumfeld zu realisieren. Trotzdem gelingt es uns, unkontrolliert bis zum Stadion zu kommen. Der erste Eindruck ist dann schon ernüchternd, am Einlaß Doppelreihen Polizei, die wohl Tickets und IDs kontrollieren werden.

Situation am Eingang

Die gerichtliche Entscheidung steht auch noch aus. Die Fanbetreuer unseres Vereins sind von akuten Sehschwächen geplagt. Vielleicht auch, weil wir wegen unseres neutralen Erscheinungsbildes recht deutlich auffallen. Zwecks Beratung ziehen wir uns in eine nahe dem Stadion liegende Kneipe auf ein Entschlussbier zurück. Wir wollen es versuchen. 003 und 004 stürmen schnelleren Schrittes vor. Wir anderen folgen und treffen auf eine Gruppe, von denen einige es schon probiert haben. Und gescheitert sind. 003 und 004 kommen vom Eingang zurück, berichten ähnliches. Derweil werden wir vom ersten Stock eines Wohnhauses aus einer abgedunkelten Wohnung fotografiert.

Während wir mit unserem Scheitern ringen, wird 001, mit textilen belgischen Schnurrbärten ausgestattet, ins Stadion geschmuggelt. 

001 berichtet weiter:

Mit einer Mischung aus schlechtem Gewissen gegenüber dem Rest der Gruppe und Hoffnung ins Stadion zu kommen verabschiedete ich mich von meinen Mitreisenden, Bruno, eine belgische Zufallsbekanntschaft vom Hinspiel hatte mir angeboten, mir ein Ticket für den Heimbereich im Tausch für einen Spieltagsschal zu besorgen. Im Vorfeld hatte er mir angeboten, mit Ihnen ins Stadion zu kommen, um meine Chancen zu erhöhen, das Ticket auch tatsächlich nutzen zu können.

Das Angebot, mit Ihnen ins Stadion zu kommen, habe ich angenommen, auch wenn ich bei Weitem nicht so optimistisch war wie meine neuen belgischen Freunde.

Wir trafen uns bei Bernard, einem Freund von Bruno, wo Bruno bereits im VW Bus mit seinen beiden Söhnen wartete. Bruno nahm den versprochenen Spieltagsschal und händigte mir meine Verkleidung für das Spiel aus:  einen Union SG Schal und einen Fischerhut. Fischerhüte sehen ja selten gut aus, aber das Union SG Exemplar empfand ich als besonders unförmig.  Anschließend machten wir uns auf den Weg von Brüssel nach Leuven. Nach einer ereignislosen Fahrt parkten wir den Bus und liefen über Waldwege (!) am Campus vorbei Richtung Innenstadt.

Dabei kamen wir auch am Stadion vorbei, die Polizeipräsenz hielt sich in Grenzen, was mich optimistischer stimmte. Da jedoch noch viel Zeit bis zum Spielbeginn blieb und wir meine Chancen besser einschätzten, wenn es am Eingang geschäftiger zu geht, boten mir meine belgischen Begleiter an, noch etwas die Innenstadt zu zeigen. Auf dem Weg in die Innenstadt traf ich auch wieder auf meine Reisegruppe, die auf dem Weg zum Stadion waren und 2 Unioner, die mit Schals in den Farben der Gastgeber Ihr Glück versuchen wollten.

In der Innenstadt wurde mir dann der große Platz von Leuven gezeigt, der von Bars und Kneipen umrahmt wurde. Mir wurde berichtet, dass es als besondere Herausforderung gilt, in jedem der Lokalitäten, ein Bier zu trinken. Wir entschließen uns jedoch, stattdessen noch eine Portion Pommes zu essen, wo wir auf einen weiteren Freund von Bruno, einen weiteren Bernard und seine 3 Kinder trafen.

Dabei war ich etwas überrascht, dass mich die Kinder mit Küsschen auf die Wange begrüssten. Ein Brauch, den ich zwar aus Frankreich kannte, allerdings nicht von männlichen Mitmenschen. 

Zwischenzeitlich erfuhr ich, dass der Versuch vom Rest meiner Reisegruppe ins Stadion zu kommen nicht von Erfolg gekrönt war und sie sich wieder auf dem Weg nach Brüssel befanden, was meine Nervosität minütlich steigen ließ. 

Wir machten uns also ebenfalls auf dem Weg zum Stadion, der Plan war, dass der Ordner von Bernard davon überzeugt werden sollte, dass es sich bei mir um einen Union SG Fan handelt, weil Bernard als einziger perfekt flämisch sprach,  als Beweis sollten Schal und Fischerhut gelten.

Am Stadion jedoch zeigte Bernard seinen Ausweis und Ticket vor und lief Richtung nächster Kontrolle. In mir breitete sich Panik aus. Dann drehte sich Bernard jedoch um, ging zum Ordner um und redete auf ihn ein, gleichzeitig sah ich wie er seinen Ausweis hinter seinem Rücken an Bruno weitergab, der ihn an mich weiterreichte. Für eine Millisekunde zeigte ich Ausweis und Ticket dem Ordner, den jedoch schien nur die Farbe des Ausweises zu interessieren und achtete weder auf Foto noch auf den Namen und so fand ich tatsächlich meinen Weg ins Stadion.

Ein Stein fiel von meinem Herzen und eine Welle der Euphorie breitete sich in mir aus, als hätten wir bereits gewonnen. Beschwingt von der erfolgreichen Einnahme des fremden Stadions bot ich sogleich an, die erste Runde Bier zu holen und staunte nicht schlecht, als mir dafür nur 20 € abverlangt wurden. 

Im Stadion

Wir befanden im Block rechts neben den Ultras und die Mitmachquote bei den Union SG Songs war selbst für mich als Fan von Union Berlin beachtlich. Meine Stimmung näherte sich dem Höhepunkt, als Union Berlin auch noch das frühe 1:0 schoss. Bis ich realisierte, dass dieses Tor auch wirklich zählte, dauerte einige Momente, die absolute Nichtreaktion um mich herum nährte an mir Zweifel, dann jedoch jubelte ich still in mich hinein. 

Mit der Zeit entdeckte ich jedoch mehr und mehr Fans, die ich als Unioner identifizierte. Besonders im Block 320, von dem ich wusste, dass er von Unionern bevölkert wurde, war viel Bewegung und ich erkannte sogar Daniels nackten Oberkörper, obwohl ich mich auf der gegenüberliegenden Seite des Stadions befand. 

Kleiner, aber lauter Gästeblock

Auch einige Ultras zeigten sich zu Beginn der zweiten Halbzeit inklusive Zaunfahne, durften aber leider das Spiel nicht zu Ende schauen. Nach Spielschluss gab ich dann auch in einer Gesangspause in meinem Block ein Eisern Union zum Besten, in das sogar Bruno einstimmte. Im Rest des Blocks schien sich dafür jedoch niemand sonderlich zu interessieren. 

Auf dem Rückweg mit dem Auto nach Brüssel erfuhr ich dann, dass meine Reisegruppe die Mannschaft am Hotel empfangen wollte und ich ließ mich auf direktem Weg dorthin fahren.

Tom findet sich mit dem Scheitern am Einlass ab:

Wir anderen nehmen unser Scheitern an und entschließen so schnell wie möglich nach Brüssel zurückzufahren und ins “The Big Game” zu gehen. Dank des hervorragenden Bahnverkehrs in den Benelux-Staaten gelingt uns das auch stressfrei und vor allem pünktlich.

Kurzer Fußmarsch und dann sind wir da. Wir treffen in der übervollen Kneipe auf 006. Dem ist die Happy Hour ein wenig zu Kopf gestiegen, aber … Selten tropfte in einer 6. Spielminute mehr Bier von einer Kneipendecke als in diesem Moment. Ekstatisch versuchten dann alle Anwesenden, die ohnehin schon große Lautstärke ins Unermessliche zu steigern, was uns mit Bierkonsum gelang. 005 saß mit seiner Frau auch im Big Game. Wir haben ihn nicht gesehen, was vielleicht ein wenig deutlicher macht, wie voll der Laden war.

Fussballkneipe “Big Game”

Die Mannschaft tat uns nicht den Gefallen, die Spannung abzubauen und den Sieg deutlicher ausfallen zu lassen. USG war sportlich genug eingestellt, trotz feststehenden Gruppensieges, sich das Unentschieden erkämpfen zu wollen.

Aus, aus, aus – der 1. FC Union Berlin ist in der KO-Runde der Europaleague!!!

Noch ein bisschen Feiern und Bier trinken, dann  wollen 002 bis 004 und 008 zum Mannschaftshotel. So war es geplant und so wird es jetzt auch durchgezogen. Auf dem Weg aus der Fußgängerzone heraus werden noch die drittbesten Fritten Brüssel gekauft. In dem Moment sind es noch die besten, wie wir noch Erster in der Bundesliga. Mit dem Taxi zum Hotel der Mannschaft, dort steht schon die Fanbetreuung, von Ihrer Sehschwächen geheilt, können Sie uns zum nahe gelegenen Place du Luxembourg geleiten. Dort würde der Bus stoppen. Schnell wird recht teures Bier – äh Apfelschorle gekauft. 001 stößt aus Leuven kommend zu uns. Mittlerweile erwartet ein schöner Mob die Mannschaft. Ihr habt alle die Videos in den sozialen Netzwerken eures Vertrauens gesehen und wisst, was geschah als der Bus auf den Platz bog. Vielleicht ist noch erwähnenswert, dass Trimmi mir auf den Fuß gehüpft ist. Süßer Schmerz.

Als unsere Helden sich etwas abgekämpft zum Nachtmahl fahren lassen, nehmen wir, ähnlich erschöpft, den Weg zu unserem Hotel in Angriff. Die Nacht und unsere Müdigkeit lassen uns noch nicht erkennen, was für eine wunderbar fußläufige Stadt Brüssel ist. Das traditionelle Bier an der Hotelbar entfällt und wir, fünf Grenzenlose, fallen in unsere Betten.

Am Freitag zerfällt die Gruppe wieder in ihre anfänglichen konspirativen Grüppchen, obwohl diese gar nicht mehr nötig sind. Am Tag nach dem Spiel sinkt die Gefährlichkeit eines Fußballfans rapide, so wie sie am Spieltag selbst in die Höhe zu schnellen scheint.

Ein Teil fährt zurück in die schöne Stadt, ein anderer strebt nach Amsterdam, diese Hellseher!.

001 und 008 machen die schon traditionelle Stadtführung. Wie in so vielen Städten links des Rheins beginnt vieles mit den Römern, denen die Franken folgen und später als Franzosen daherkommend, die die Landstriche nachhaltig beeinflussen. Wir Deutsche haben mit einer ähnlichen Nachhaltigkeit vieles zerstört. Diese kleineren Völker haben auf vielerlei Art ihre Eigenständigkeit zu bewahren versucht, um nicht zwischen zwei großen Mächten zerrieben zu werden. Überraschenderweise  ist ein Sinnbild dafür auch das Männeken Piss. Wir erfahren, dass Herge (TinTin / Tim und Struppi) mit den Nazis kollaborierte, weil er, trotz der deutschen Kontrolle der Zeitung, die Arbeit bei Le Soir akzeptierte, weswegen er nach der Befreiung von den Nazis inhaftiert wurde. Der Beliebtheit der Comics tat und tut das keinen Abbruch. Wir erhalten einen Tipp für die besten Fritten Brüssels. Jedoch dort angekommen müssen wir feststellen, dass die Zeit mit dem Stand nicht gnädig waren. Doch unweit entdeckten wir das “Frites Atelier” in der Rue Sainte Catherine. Von einer Offenbarung zu schreiben, ist vielleicht ein wenig übertreiben. Aber der leuchtende Schein, welcher mit Offenbarungen einhergehen soll, der war zu sehen. Und damit waren die Fritten vom Vorabend für alle Zeit von ihrem ersten Platz verdrängt.

“Einen Meter Bier bitte”

Nach unterschiedlich gestalteter Erholung machen wir uns auf dem Weg, eine weitere Empfehlung zu testen. Das Delirium kann seinem Namen sicher gerecht werden, wenn man eine gewisse Zügellosigkeit entwickelt. Aber so gefestigte Charaktere wie uns ficht das natürlich nicht an. Wir teilen uns einen Meter Bier. Es sind kleine Gläser. Was gut ist, denn neben dem Geschmack, der wichtiges Kriterium ist, sollte man bei belgischen Bieren den Alkoholgehalt nicht unbeachtet lassen, der auch immer mit angegeben wird. In unserem Meter war das leichteste Bier 3,6% und das stärkste bei 10,6%. Geschmacklich kann so ein Reinheitsgebot ganz sicher ein Klotz am Braukessel sein. Weil die Preise auch nicht unbeachtet blieben, beschlossen wir, 005 war mittlerweile zu uns gestoßen, noch mal ins Big Game zu wechseln, dass sich irgendwie zum unionistischen Kneipenfixpunkt entwickelte. 

Am nächsten Morgen fahren wir zum Stadion von Royal Union St. Gilloise. Wir waren ja nicht die ersten Berliner Unioner, die da waren. Aber es war beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit uns erlaubt wurde, das Stadion anzuschauen. Und ganz ehrlich, kein UEFA-Funktionär kann dieses Stadion von innen betrachtet haben, denn sonst hätte RUSG nicht in Leuven spielen müssen. Um wieviel Atmosphäre und Fußballkultur sich die UEFA beraubt, wenn sie solche Kleinode nicht in ihren Wettbewerben erlaubt, werden sie wohl nie erkennen. Sollte es sich zukünftig mal mit Spielen in Köln, Gladbach oder Leverkusen kombinieren lassen, werden wir ganz sicher ein Heimspiel von RUSG besuchen.

Es ist Bundesligasamstag. Und ja, wir landen wieder im Big Game, um zu sehen, dass Hertha sich zwar müht, aber den Bayern eigentlich nicht gefährlich wird.

Am Sonntag treffen wir uns alle via Köln in Leverkusen wieder. Denn willste nach Leverkusen kommste wieder nicht an Köln vorbei. Wir hatten die Gelegenheit lange nicht gesungene Chants lautstark zum Besten zu geben und zu zeigen, dass wir, gut verlieren, noch können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert